Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Eine Stunde dauert das Kinderturnen, und eine Stunde lang läuft Samuel lachend durch den Raum. Hangelt sich an Seilen empor, hüpft über den Schwebebalken, die Füße mal nach links, mal nach rechts, macht einen Strecksprung über den Barren, von dem seine Trainerin Trixi Gross entzückt ist. Nur für ein paar Minuten verschwindet das Lachen aus Samuels Zügen. Als er die Trinkflasche an den Mund hält.
Es ist Donnerstag, und donnerstags ist Kinderturnen beim Eisenbahner Sportverein in Laim, dem ESV. Die Räume entlang der Bahngleise, in die der Verein vor zwei Jahren umgezogen ist, sehen noch aus wie unbenutzt. Ein Neubaugebiet ist hier entstanden, zwischen der S-Bahn-Haltestelle und Nymphenburger Schlosspark, in das viele Familien mit kleinen Kindern gezogen sind. Deshalb wurlt es in der Halle nun durcheinander und Trixi ist froh, mit Nino Nicotra einen Zivi zur Seite zu haben, der dabei hilft, die Kinder zu bändigen. Mittendrin und mit fünf Jahren schon einer der Großen, fetzt Samuel über den blauen Hallenboden. Sein Glück ist förmlich mit Händen zu greifen. Die Seile sind seine liebste Übung, „das Schaukeln ist so schön!“ Und wenn er bisschen älter ist – „so sechs Jahre“, sagt er und zeigt sieben Finger – dann will er hier auch noch Fußball spielen. Wie sein großer Bruder. Das Trikot mit der Acht auf dem Rücken und dem Namen von Zlatan Ibrahimovic hat er vom Bruder, dem 14-Jährigen, schon übernommen. Die Mutter hört Samuels Begehr, seufzt aber erst, nachdem der Junge weggegangen ist. Noch einer im Fußballtraining? Es fällt ihr doch so schon schwer genug, die Vereinsbeiträge für die beiden Jungs zu bezahlen.
Sandra Reik (Namen der Betroffenen von der Redaktion geändert) ist alleinerziehend, lebt von Arbeitslosengeld II, seit ihr Jüngster auf der Welt ist. Einen Papa, sagt sie, habe es nie gegeben. Er war nie für die Kinder da, zahlt keinen Unterhalt. So hat sie sich durchgekämpft all die Jahre. Seit Samuel nachmittags im Kindergarten ist, lernt sie auf ihre Diplomprüfung: Eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin macht Sandra Reik gerade über eine Fern-Uni. Früher hatte sie als Arzthelferin gearbeitet. „Ich weiß, wie es ist, Geld zu verdienen.“
Dass ihre Kinder Sport machen, ist ihr wichtig. Zumal sie merkt, dass es den Jungs gut tut. Der Große, Raul, ist ausgeglichener, wenn er sich auspowern kann. Gerade hat er einen Arm in Gips, an Sport ist nicht zu denken. „Jetzt lässt er seine ganze Energie an mir aus“, sagt die Mutter. Auch für das Selbstbewusstsein ihrer Kinder, da ist sie sicher, sei der Sport enorm wichtig. „Damit sie mithalten, mitsprechen können.“ Eine Haltung, die keine Selbstverständlichkeit ist. Rüdiger Wolf, der Geschäftsführer des ESV, kennt genügend Eltern, die ihre Kinder „vor dem Computer ruhigstellen“. Auch viele von Rauls Mitschülern „sitzen im Zimmer und werden dick“, ärgert sich Sandra Reik. Machtkämpfe habe sie mit dem Großen schon ausgefochten, weil auch er in Gefahr war, zu viel Zeit mit Computerspielen zu vertrödeln. „Aber da habe ich mich nicht plattreden lassen“, ist die Mutter stolz auf ihre geradlinige Erziehung. Der Sport ist ihr so wichtig, dass sie dafür auf anderes verzichtet: Auf neue Kleidung etwa, „und selbst beim Essen sparen wir“.
Samuel ist seit Jahresbeginn im Verein, der Ältere seit 2006. Als im Juli erstmals für beide Söhne der Mitgliedsbeitrag von Reiks Konto abgebucht wurde, war das ein Schock für die Mutter. 75 Euro für den Großen pro Halbjahr, 48 Euro für den Kleinen – dazu die einmalige Aufnahmegebühr von 20 Euro und weitere 25 Euro, die der Verein als sogenannten „Baustein“ erhebt, um den Umzug finanzieren zu können. „Da habe ich geschluckt“, sagt Reik, „ich lebe doch eh schon im Dispo-Kredit“.
Also ist sie zu Wolf gegangen, hat gefragt, ob man die Beiträge reduzieren kann. Hinzugehen und zu bitten, sei „eine hohe Hürde gewesen“, erinnert sich Reik. Aber um der Kinder willen hat sie sich dazu durchgerungen, „sonst müsste ich sie rausnehmen“. Nur ist der Verein selbst knapp bei Kasse und 2008 knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt. „Ohne die Hilfe der Stadt gäbe es diese Anlage nicht mehr“, sagt Wolf.
Trotzdem hatte er eine gute Nachrichten für Sandra Reik. Kurz vor ihrem Besuch hatte der Geschäftsführer einen Flyer auf seinen Schreibtisch bekommen. Darin beschrieben: das Projekt „Sport für alle Kinder“, das das Schulreferat der Stadt gemeinsam mit dem Adventskalender der Süddeutschen Zeitung ins Leben gerufen hat. Mit Hilfe von Spenden soll erreicht werden, dass Kinder, deren Eltern sich die Mitgliedschaft in einem Sportverein nicht leisten können, trotzdem Sport machen können. „Wir freuen uns natürlich, wenn wir die nicht verlieren, die weniger Geld haben“, sagt Wolf.
Vor den Sommerferien bereits hatte das Schulreferat das Projekt allen Sportvereinen, an Schulen und Kindergärten vorgestellt. „Langsam dringt es auch ins Bewusstsein vor“, sagt Inga Bergmann vom Sportamt der Stadt. „Mittlerweile steht unser Telefon nicht mehr still.“ Lehrer rufen an, oft auch Eltern. Sogar ein zehnjähriger Junge habe bei ihr schon angefragt, ob man ihm helfen könne. Fußball wollte er spielen. Aber wir sind zu arm, hat er gesagt. Warum er selbst anruft, nicht seine Eltern, wollte Bergmann wissen. „Der Papa spricht zu wenig Deutsch“, kam als Antwort.
Mit dem Fußball will auch Raul nie aufhören. „Fußball ist mein Leben.“ Er spielt, seit er sechs ist, ist Brasilienfan und überzeugt, dass er mal Profispieler wird. Seine Mutter ist auch von etwas überzeugt, aber das sagt sie nur, wenn die Kinder nicht dabei sind. Denn die sollen von der angespannten finanziellen Situation so wenig wie möglich mitbekommen. Dass sie zuversichtlich sei, bald wieder Arbeit zu finden. „Ich weiß, dass es besser wird für uns.“
Ansprechpartner für „Sport für alle Kinder“ im Sportamt: Inga Bergmann, Tel. 089/233-32158 oder Elisabeth Stöhr, Tel. 089/233-32111.
(SZ vom 02.11.09)