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12.12.2009

Ein Leben in Armut, in dem Träume keinen Platz mehr haben

... zum Sterben zu viel

Im Fernsehen läuft Werbung, es geht um eine Familie und ihre neue Küche,
die angeblich so günstig ist, dass viel Platz bleibt „für andere Träume“. Harald
Schefer (Name geändert) hört gar nicht hin, er ist mit der Fernbedienung
beschäftigt, die kaum mehr funktioniert, da ist der Spot schon vorüber.



Aber ein Wort scheint sich verfangen zu haben in dem ärmlichen Zimmer, es bleibt zurück wie ein Fremdkörper: Träume. Harald Schefer wohnt in anderthalb Zimmern in Freimann, es ist kalt, die Wände sind vergilbt, in den Lampen fehlen Glühbirnen. Neue sind zu teuer. Kaum ein Wort, das hier falscher sein könnte als: Träume. Nicht, dass der 72-Jährige keine Wünsche hätte. Aber Träume, das hat zu viel mit Zukunft zu tun. Harald Schefer muss sehen, dass er die Gegenwart bewältigt. Und für die Seele, die kleinen Fluchten, begibt er sich lieber in die Vergangenheit. Die Geschichten aus dem früheren Leben, von den einstigen Gefährten, das ist tröstliches Terrain. Dazu passt die Musik. Schefer hat gefunden, wonach er suchte, die DVD surrt. Paul Anka, eine Schnulze aus den Fifties. „Ich liebe die Fünfziger“, sagt Harald Schefer und setzt zu einer Tanzbewegung an.
Rentner, die die Rente arm macht: Weil die Altersvorsorge nicht zum Leben reicht, sind in München 11 000 Menschen auf Sozialhilfe angewiesen, die im Alter Grundsicherung heißt. Deutschlandweit steigt die Zahl der Empfänger, zwischen 2007 und 2008 lag der Zuwachs bei fast fünf Prozent. Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK, spricht von einem „Warnsignal für künftige Altersarmut“. Der Anstieg, vor allem seine Rasanz in den vergangenen drei Jahren, sei „alarmierend“ und werde sich in der nächsten Zeit weiter verschärfen. Wenn jemand als Rentner an den Rand der Armutsgrenze gerät, sagt das nach Auskunft von Mascher nichts über die Intensität des vorangegangenen Arbeitslebens aus. Im Gegenteil: Wer beispielsweise jahrzehntelang im aufreibenden Bereich Gastronomie für gängige Niedriglöhne tätig war, wird mit einer minimalen Rente auskommen müssen. Für Menschen, die wie Harald Schefer im Ruhestand zu wenig Geld haben, ist Armut nur eine Sorge von vielen. Oft sind Krankheiten eine zusätzliche Belastung, Einsamkeit, die sich verschlimmern kann zur Isolation, wenn finanzielle Möglichkeiten fehlen. Gerade in einer teuren Großstadt wie München. „Wo sind hier die preiswerten Lokale, in denen man sich mal verabreden kann?“, fragt Ulrike Mascher. Die überall sichtbaren Zeichen des Wohlstands, gerade vor Weihnachten, täten ein übriges, die innere Vereinsamung der Betroffenen voranzutreiben. „Sie sind arm in einer Umgebung, die wohlhabend bis reich ist. Das macht bitter.“ Und erhöht den seelischen Druck, nach Außen den Schein geordneter Verhältnisse zu wahren.
Im Fall von Harald Schefer ist die Armut sichtbar. „Die allgemeine Situation ist, wie sie ist“, sagt er zur Begrüßung. Das gespreizte Reden hat mit Scham zu tun. Die Sozialwohnung in einem tristen Häuserblock ist spärlich möbliert, das Geschirr angeschlagen, der Flecken Grün vor dem Fenster verwildert. Sollte das Gärtchen von den Erbauern der Anlage für nette Stunden in der Sonne gedacht gewesen sein – Harald Schefer hat nicht mal drinnen, am schmalen Esstisch, genügend Stühle für sich und den Besuch. Die Rentenbezüge, die auf seinem Konto eintreffen, reichen nicht zum Leben, und auch mit der Grundsicherung bleiben ihm jeden Monat nicht mehr als 200 Euro. Es ist ein sonniger Vormittag Anfang Dezember, in der Innenstadt kommt gerade das große Weihnachtsgeschäft in Fahrt. Harald Schefer sagt, dass er bis Mitte des Monats mit 40 Euro hinkommen muss. Sein Fernseher ist alt, der DVD-Spieler gebraucht, die Musikscheiben hat ihm ein netter Verkäufer aus dem nahen Discounter gebrannt. Elvis Presley, Johnny Hallyday, es ist die Musik seiner Generation. Allzu oft hört er sie nicht an, um Strom zu sparen – und aus Angst, die Geräte könnten den Geist aufgeben. „Alles geht irgendwann mal kaputt“, sagt er.
Dass bei Harald Schefer die Situation so wurde, wie sie ist, ist das Ende einer langen Geschichte. Der gebürtige Sachse hat ein bewegtes Leben hinter sich, ist viel umhergezogen, nirgends wirklich angekommen. Er kann gut erzählen und tut es gern, als brauche er die Fülle der Episoden wie ein Gegengewicht zur schalen Gegenwart. Aufgewachsen bei einer Pflegemutter – deren gewalttätiger Mann machte sich früh davon –, gelang Schimpf als Halbwüchsiger mit abgebrochener Dreherlehre eine abenteuerliche Flucht in den Westen. Er hätte gerne studiert, aber auch in der Bundesrepublik zerplatzte dieser Traum schnell. Er schlug sich mit Saisonarbeit durch, ließ sich von einem ehemaligen Fremdenlegionär mit falschen Geldzusagen nach Paris locken und versuchte in Südfrankreich den anfangs vielversprechenden Aufbau einer neuen Existenz. Er fand Arbeit, heiratete, die Ehe ging kaputt. Zurück in Deutschland blieb er rastlos. Auch in München, wo er seit 15 Jahren lebt, kehrte nie Ruhe ein wegen der ständig wechselnden Jobs bei Zeitarbeitsfirmen, der Lohn war immer niedrig. Die Rentenbeiträge waren es auch.
Heute sind warme Winterstiefel, die Reparatur seiner Brille Extras, die sich Schefer nicht leisten kann. Lebensmittel holt er sich bei der „Münchner Tafel“, was der Ernährung des Diabetikers nicht gut tut. Der Arzt empfiehlt frische Kost, mageres Fleisch – viel zu teuer. Rindsrouladen würde er gerne einmal wieder essen, sagt Schefer und schaut weg, weil er Tränen in die Augen bekommt. Am meisten leide er unter dem Mangel an Informationen. Kein Telefon, keine Zeitung, geschweige denn Computer – dabei interessiert er sich für vieles, Geschichte, Literatur. Internet zu besitzen, sagt er, müsse sich anfühlen wie ein „Tor zur Welt“. Wann er glücklich war? Eigentlich auch ein Wort, das nicht hierher passt, aber die Antwort kommt schnell. In der Provence, sagt Schefer. Und flüchtet sich in eine Redensart. „Damals dachte ich: großes Los. Jetzt ist dir das Schicksal hold.“ Zwei Leben: Eine bittere Gegenwart, eine sehr weit entfernte Vergangenheit – das kennt auch Ariane Rau (Name geändert). Seit den sechziger Jahren leidet die brünette Frau mit den lebhaften graubraunen Augen an Multipler Sklerose (MS). Bevor die Krankheit einsetzte, war Rau eine junge, ambitionierte Verkäuferin in einem großen Münchner Sportgeschäft, „und da hätt’ ich was werden können“. Es kam anders. Immer wieder fühlte sich ihr Fuß pelzig an, der Arzt musste bald MS diagnostizieren. Als ihr an einem Herbsttag des Jahres 1988 die Äpfel für den Auflauf aus den Händen fielen, hat sie gespürt, „jetzt wird es schlimm“.
Damals hatte sie schon viel geschafft, gemessen an ihrer schweren Erkrankung. Und wer Ariane Rau heute sieht, die papierdünne Haut ihrer Hände, den langen Strohhalm, aus dem sie Tee saugt zum Befeuchten ihres Kehlkopfs, muss staunen über ihre Willenskraft. Trotz ihrer Krankheit, trotz anderslautender Empfehlungen bestand sie auf ihrem Kinderwunsch. Den 1970 geborenen, gesunden Sohn zog Ariane Rau alleine auf, weil die Ehe in die Brüche ging. Heute hat sie zwei Enkelkinder.
Dass sie nicht so oft kommen, wie es ihr gefiele, macht sie niemandem zum Vorwurf. Für die Pflegekräfte und privaten Helfer, die die bis auf drei Finger gelähmte Frau mehrmals täglich versorgen, hat sie nur lobende Worte. Allenfalls deutet sie an, dass eine neue Waschmaschine eine große Erleichterung wäre. „Ich hab’ halt viel Wäsche“, sagt sie und blickt an sich herab, an den wallenden Gewändern, die ihren Körper und den speziellen Krankenstuhl verbergen. Die 66-Jährige hat von Rente und Grundsicherung nur wenig zur Verfügung, weil die Finanzierung des Hilfsnetzes teuer ist. Klagen sind von Ariane Rau nicht zu hören. Sie sagt Sätze wie: „Ich werde eigentlich gut damit fertig.“ Und: „Ich habe mich abgefunden.“ Aber es gibt Momente, in denen die Fassade bröckelt. Die Rede kommt auf das Wochenende, auf die Stille, die dann in dem mehrstöckigen Mietshaus herrscht. „Sonntage hasse ich“, sagt Ariane Rau.

(SZ vom 12.12.09)