Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Obdachlose Mütter mit Kindern finden in Berg am Laim eine sichere Zuflucht. Oft der Beginn eines anderen Lebens.
Von Monika Maier-Albang
Marco hat die Suppe gekocht, Samuel schüttet Salz hinein. "Halt, halt", ruft Friedhild Schneuing und weil sie auf das Spiel der beiden Buben eingeht, sagt sie in scherzhaft-warnendem Ton zu Samuel: "Pass auf, sonst schmeckt die Suppe nicht mehr." In Wirklichkeit ist der Teller leer, aber die Jungen, eineinhalb und zwei Jahre alt, haben trotzdem einen Riesenspaß beim "Kochen". Da sitzt jemand mit ihnen auf dem Boden, ist nur für sie da und beschäftigt sich mit ihnen.
Die Mütter der Kinder hier im Haus an der Englmannstraße, weiß die Pädagogin Schneuing, haben dazu allzu oft keine Kraft und Ruhe mehr. Zu viel anderes geht ihnen durch den Kopf. Da sind die Nachbarn, die wieder so laut streiten, dass die Polizei anrückt. Da ist die Sorge, woher man das Geld für die Schulhefte der Tochter nehmen soll. Die Angst, ob der Mann einen hier nicht doch findet. In der städtischen Unterkunft für obdachlose Mütter in Berg am Laim hat jede ihr Päckchen zu tragen.
Bitter benötigte Spenden
Im Gang im dritten Stock des kastenförmigen Baus lacht der Nikolaus vom Fenster. Es ist das einzige Fenster, das hier dekoriert ist; in den Wohnungen macht sich niemand die Mühe. Gleich um die Ecke kommt man in die "Kinderbetreuung". Zwei Zimmer - eines, in dem die Schulkinder am Nachmittag in Ruhe Hausaufgaben machen können.
Ein weiteres zum Austoben für die Kleinen. Der Boden ist mit Spielteppichen ausgelegt, in einer Ecke lässt sich auf Polstern kuscheln. In den Regalen liegen Brettspiele, Playmobil und Duploklötze. Friedhild Schneuing kann stolz erzählen, dass sie und die Kolleginnen alles, was hier steht, in den vergangenen vier Jahren als Spenden organisiert haben. Vorher war hier nichts, waren die Kinder und ihre Mütter auf sich gestellt.
Der Spielraum war früher eine Wohnung. Eine der großen. Zwei Zimmer stehen Frauen zu, die wie Sandra F. drei Kinder haben. Die anderen wohnen zu zweit, zu dritt in nur einem Zimmer. Eine Toilette gehört zur Wohnung. Die Duschen liegen auf dem Flur, ebenso die Küche. Zwölf Frauen teilen sich hier drei Herde. Zwar stehen in der Küche ein Tisch und eine Sitzecke, aber viel habe man eh nicht miteinander zu tun, sagt Sandra F.: "Mit der Zeit hörst du auf, dich um die anderen zu kümmern. Die wollen immer nur was von dir. Dass du ihr Kind durchfütterst, ihnen Geld gibst. Oder Zigaretten." Sie geht den langen Gang zu ihren Zimmern. An den Türen stehen keine Namen, nur Nummern.
Manche der Frauen wollen so anonym leben, weil sie vor einem gewalttätigen Mann geflohen sind. Andere machen sich nicht die Mühe, einen Aufkleber mit ihrem Namen an die Tür zu heften. Man ist ja eh schnell wieder weg hier, so hoffen sie. So hat auch Sandra F. gehofft. Inzwischen ist es ihr drittes Jahr im Wohnheim. Jeden Monat bekommt sie vom Wohnungsamt eine Wohnung angeboten, geht zu dem potentiellen Vermieter, stellt sich vor - und bekommt wieder eine Absage. "Das ist so frustrierend, aber wer nimmt dich schon mit drei Kindern?" Marco, ihr Jüngster, war drei Monate, als Sandra F. hier einziehen musste, nachdem sie ihre Wohnung verloren hatte.
Jetzt lebt sie zwischen einem abgewetzten Sofa und dem Regal, in dem sieben Teller, zwei Töpfe, eine Pfanne und Besteck liegen. Ihre Küchenutensilien. Die beiden Töchter und Sohn Marco teilen sich das Kinderzimmer. Das Stockbett der Mädchen ist aus Metall und sieht wie aus der Kaserne entliehen aus. "Die Matratzen stinken", sagt Sandra F. Zwischen den Betten stapelt sich das Spielzeug der Kinder zu einem Turm. "Kein Platz hier, keine Schränke", sagt sie entschuldigend. Vielleicht fehlt ihr inzwischen aber auch einfach die Kraft, Ordnung zu halten.
Im Spielzimmer im dritten Stock kommt man in eine andere Welt. Hier ist alles picobello aufgeräumt. Und die Küchenecke, in der Marco spielt, sieht weniger abgenutzt aus als die echte Küche zwei Etagen tiefer. Das Frauenobdach Karla 51 hat das Kinderbetreuungs-Projekt ins Leben gerufen. Anfangs arbeiteten hier vier Betreuerinnen auf 400-Euro-Basis, inzwischen sind sie nur noch zwei. Ohne Spenden könnte die Spielgruppe gar nicht überleben.
An drei Vormittagen können die Mütter aus dem Haus ihre Kleinkinder abgeben. Dann haben sie Zeit für Behördengänge. Oder die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Den Kindern biete man so die Möglichkeit, der Enge der Wohnung zu entkommen, sagt Friedhild Schneuing. "Glückliche Kinder bedeuten entspannte Mütter." Und entspannte Mütter wiederum bedeuten weniger Stress für die Kinder.
Dauernder Verzicht
"Am schlimmsten sind die Wochenenden", sagt Sandra F. Es gibt keinen Hof, auf dem die Kinder spielen können, Laufen in den Gängen ist verboten. Ist das Wetter schlecht, fällt ihnen hier die Decke auf den Kopf. Im Sommer spart sie Geld fürs Freibad. Im Winter ist alles zu teuer. Ohne die Spielgruppe kämen die Kinder hier kaum raus - im Museum Mensch und Natur waren die Betreuerinnen schon, mit 30 Kindern.
Sie sind ins Legoland gefahren, ins Walderlebniszentrum, an den Ammersee. Es gibt Nikolaus- und Weihnachtsfeier. "Ganz toll", sagt Sandra F. All das aber kostet Geld, Spendengeld. "Die Mütter sind sehr dankbar", sagt Friedhild Schneuing. "Wir können ihnen ja nur ein bisschen helfen. Wir versuchen halt, ihnen Mut zu machen."
(SZ vom 13.12.2007)