Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Die beiden Fotos fallen sofort auf. Sie hängen über dem Fernseher und sind der einzige Farbtupfer im Wohnzimmer. Auf dem rechten das Porträt einer lächelnden Frau. Links ist sie am Strand zu sehen. Hinter ihr das Meer, Wellen, man kann fast das Rauschen hören.
Die Frau trägt eine rote Jacke, breitet die Arme aus, als wolle sie fliegen. Nur die Sonne fehlt.
Kurt Schwab sitzt am Esstisch und erzählt. Als er gelernt hatte, wieder zu reden, da war er schon ganz unten angekommen, da war seine Familie keine mehr. In seinem früheren Leben hatte er gut verdient, den Kindern fehlte es materiell an nichts, gemeinsam zogen sie in ein Häuschen am Stadtrand. 2007 machte sich Kurt Schwab selbständig, EDV-Branche, mit einem Freund zusammen, und der hatte auch schon einen großen Auftrag an Land gezogen, im April ging es los. Aber dann kam dieser Tag im August, die Katastrophe. Markus und Franka waren zwölf und dreizehn Jahre alt.
Der Sohn setzt sich mit an den Tisch, 17 ist er heute, sein Blick ins Ungefähre gerichtet. Er erzählt von jenem Nachmittag, als er seine Mutter zunächst nirgends im Haus fand. Als er sie dann fand, war es zu spät. Sie hatte sich das Leben genommen, der Junge wird den Schrecken nie vergessen. Franka saß in diesen Stunden im Wohnzimmer, verängstigt, verwirrt. Mama ist tot, sagte der Vater zu ihr. An diesem Tag hat Franka angefangen zu weinen. „Die Zeit danach bin ich ziemlich versunken“, sagt Markus. „Die Wirklichkeit war zu schrecklich, die konnte man nicht leben“, sagt der Vater.
Nicht, dass es vorher so rosig gewesen wäre. Die große Liebe hatte ihn und seine Frau zusammengeführt, zwei Wunschkinder kamen, aber dann schlich sich diese Krankheit in die Familie. Die Frau war Psychologin von Beruf, aber gegen die Depressionen, die sie lähmten, war sie machtlos. Es gab Streit, oft wegen Kleinigkeiten, Wäsche, Hausaufgaben. Es wurde so laut, dass die Polizei kam, nicht nur einmal. „Die Mutter hat die Kinder über alles geliebt“, sagt Kurt Schwab, „aber sie konnte diese Liebe nicht leben.“ Das Jugendamt schaltete sich ein, irgendwann zog die Mutter aus.
Plötzlich war der Vater alleinerziehend, Beruf und Kinder bedeuteten großen Stress, und die Mutter verzehrte sich nach ihren Kindern. Also versuchten sie es noch einmal, zu viert, als Familie. Sie kehrte zurück, und es begann eine sehr schöne Zeit. Die Stimmung war gelassen, die Mutter glücklich. „Friedlich, perfekt“, sagt Markus, und sein Vater erinnert sich: „Da war’s mal so, wie’s hätte sein sollen.“ Ein paar Wochen blieb das Glück, aber nichts, sagt Kurt Schwab, habe auf die Katastrophe hingedeutet.
Die Jahre danach verschwimmen im Rückblick. Es gab Tage, da kam der Vater nicht aus dem Bett. Der Weg ins Bodenlose dauerte zwei Jahre. Da war alles Ersparte aufgebraucht und Kurt Schwab so gefangen in der Depression, dass er von sich aus kein Antragsformular auszufüllen, nicht mal um Hilfe zu bitten vermochte. Die Familie zerfiel, die Wohnung verwahrloste. Erst als der Vermieter wegen Schulden kündigte, erfuhr die Stadt von der finanziellen Misere. Seither unterstützt ein Betreuer Kurt Schwab, seither ist er in ärztlicher Behandlung. „Wir hatten eine ganze Menge Schutzengel“, sagt er heute, da sich die Familie wieder hochrappelt. Wie schwer war für den Vater gerade das letzte Jahr, als seine Kinder sich immer weiter voneinander entfernten und im Streit lebten. Jetzt verstehen sie sich wieder besser, das gibt dem Vater neuen Auftrieb. „Wir sind wieder eine Familie. Und ich habe auch wieder Spaß am Leben.“
Noch aber ist Kurt Schwab arbeitsunfähig. Seit zwei Jahren leben sie von Hartz IV. In ihrem Haus dürfen die Drei nur bleiben, weil sie einen Untermieter haben und einen Umzug wohl nicht bewältigen würden. Die Wohnung ist karg, Vorhänge fehlen und die Wände bräuchten frische Farbe.
Franka, 16, setzt sich mit an den Tisch. Viele Wünsche haben die Geschwister nicht, sie sind an den Verzicht gewohnt. Mal wieder ordentliche, neue Kleidung bräuchten sie. Nicht der Mode wegen, sondern weil Franka ihre Hosen schon zu oft geflickt hat, und weil der Winter kommt. Aber was sind schon Klamotten gegen diesen einen Wunsch. Am Grab der Mutter steht seit vier Jahren ein Holzkreuz. „Mein größter Wunsch wäre ein Grabstein für meine Mama“, sagt Franka. Sie weiß, dass er nicht zu erfüllen ist, einGrabstein ist zu teuer. Manchmal fehlen sogar die paar Euro für den Bus, um gemeinsam das Grab zu besuchen.
Viel ist zerbrochen in den letzten Jahren, auch in der Schule. Franka weiß, sie muss sich jetzt anstrengen, „ich will den Abschluss unbedingt schaffen.“ Da strahlt der Vater neben ihr. Eine eins in Mathe neulich! Kurt Schwab sagt, er sei wieder zuversichtlich. Nach dem Suizid der Mutter schrieb Markus im Gymnasium fast nur noch Fünfer und Sechser, wechselte auf die Realschule, heute besucht er die Fachoberschule. Noch längst ist nicht alles gut in der Familie, aber besser als in den dunklen Jahren. Da war Markus abgetaucht in die Welt der Computerspiele, der Vater ihm gefolgt, und Franka in Comics geflüchtet. Franka fing an, sich an den Armen zu ritzen. „Vielleicht“, dachte sie, „vielleicht sieht dann irgendjemand, wie mies es mir geht.“ Inzwischen hat sie aufgehört, sich selbst zu verletzen.
Fast immer gerät das Leben von Kindern aus den Fugen, wenn sie Traumatisches erleben. Das geschieht in Ländern, in denen Krieg herrscht. Es gibt aber auch unzählige Kinder, die schlimme Erfahrungen in München machen. Etwa, wenn sie das Sterben ihrer körperlich kranken Mutter unmittelbar mitbekommen. Oft zerbricht junges Leben auch an Gewalt in der Familie, wie bei Simon und Sarah, zwei Geschwister, fünf und drei Jahre alt. Die Kinder mussten zusehen, wie der Vater die Mutter misshandelte, körperlich und seelisch. Er hatte die Familie in der Wohnung isoliert, die Mutter hatte keie Chance, der Gewalt zu entfliehen. Selbst nach seiner Verurteilung hat der Mann ihr noch eine Zeitlang nachgestellt. Die Kinder sind in einem Klima der Angst aufgewachsen, über Tage wagte sich die Mutter nicht aus dem Haus. Solche Erfahrungen prägen Kinder, traumatisieren sie oftmals. Es dauert dann viele Jahre, bis sie sich dank psychologischer Hilfe erholen. Manchmal währt die seelische Lähmung ein Leben lang.
Franka führt in ihr Zimmer, der Vater hat es vor kurzem weiß gestrichen, es war ein großer und teurer Schritt. Viele Bilder hängen hier, selbst gemalt, das Mädchen hat Talent. Auf einem ist ein Baum zu sehen, er hält den Mond fest, damit ihn niemand klauen kann. Überm Schreibtisch Fotos, die Mutter mit ihren Kindern. „Wir hatten ja auch schöne Tage mit der Mutter“, sagt Kurt Schwab, „es gab auch wunderbare Zeiten.“ Franka sagt: „Ich hab nie verstanden, warum sie das gemacht hat.“ Einmal hat jemand versucht, sie zu trösten, hat gesagt, dass die Mama jetzt an einem Ort ist, wo es ihr gut geht. Franka fragt sich bis heute: Hatte es die Mama denn nicht gut bei uns?
Als die Polizei und die Sanitäter gegangen waren an jenem Augustabend, setzten sie sich auf die Terrasse, es war ja Sommer, aber es war plötzlich so kalt. Sie zündeten Kerzen an. Franka ist dann zur Familie einer Freundin gegangen für ein paar Tage: „Ich konnte doch nicht zu Hause bleiben.“ Als das Mädchen eines Tages Schluckauf bekam und das Hicksen gar nicht mehr aufhören wollte, da hat sie der Vater der Freundin in den Arm genommen. Wenn du Schluckauf hast, hat er gesagt, dann denkt jemand an dich. Das Kind wusste, das muss die Mama sein. (Alle Namen geändert.)
SZ vom 26.11.11