SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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29.12.2008

1200 betreut die "Schule für Kranke"

Pauken im Klinikbett

In der Gruppe der Magersüchtigen sitzen sechs Mädchen zusammen und brüten über ihren Aufgaben. Mathe steht auf dem Stundenplan, während draußen vor den Fenstern der Dezembernebel zwischen den Klinikgebäuden hängt.



Jede Schülerin macht ihrem Alter und Leistungsstand entsprechend etwas anderes. Ein Mädchen kommt mit der Textaufgabe nicht zurecht, und Ingrid Glauz bemerkt es sofort. Die Lehrerin beugt sich zu ihr herunter und bietet an, den Text einmal gemeinsam zu lesen. Zur selben Zeit, ein paar Flure weiter in der Schwabinger Kinderklinik, in der Onkologie, fragt eine Kollegin von Ingrid Glauz einen Jungen ab. Die Lehrerin träg Mundschutz, um den an Leukämie erkrankten Patienten, dessen Immunsystem stark geschwächt ist, nicht zu gefährden. Die beiden Pädagoginnen gehören zum Team der „Schule für Kranke“ und leisten mit ihrem einfühlsamen Unterricht etwas, das weit über die bloße Wissensvermittlung hinausgeht. Sie bringen Kindern und Jugendlichen, die wegen schwerer oder chronischer Erkrankungen längere Zeit den regulären Unterricht nicht besuchen können, sozusagen das Schul-Gefühl ans Krankenbett. „Die Schule und das Kümmern ist für die Kinder in dieser schweren Zeit die Schnur zum Leben“, sagt Klinik-Direktor Stefan Burdach.
Die 1984 gegründete Schule für Kranke ist eine staatliche Einrichtung und wirkt eher im Verborgenen, wenn nicht, wie vor Weihnachten, einmal der Kultusminister vorbeischaut und seine Unterstützung versichert. Doch schon die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die allein in München von der Einrichtung betreut werden, zeigt, welch große Bedeutung dieser besonderen Schule zukommt. An elf Kliniken in München werden im Jahr etwa 1200 junge Patienten betreut. In den städtischen Krankenhäusern, den Uni-Kliniken, dem Kinderspital oder Spezialkliniken wie dem Herzzentrum und der Psychiatrie. Es finden sich dort Kinder und Jugendliche aus allen Schularten und in allen Altersstufen, die wegen eines Tumors, einer Nieren- oder Herzerkrankung, Diabetes, Depressionen, wegen Psychosen oder anderen Leiden behandelt werden müssen. Es sind Fälle, in denen die Lehrkräfte der Schule für Kranke nur wenige Wochen mit den Patienten zusammen sind, bis sie wieder nach Hause dürfen, zu ihren Freunden und in ihre Schule. Nicht selten sind es aber auch viele Monate, die die Kinder und Jugendlichen im Krankenhaus bleiben müssen. Und manche sind zeitlebens auf die Unterstützung dieser besonderen Schule angewiesen.
25 Lehrkräfte beschäftigt das Kultusministerium für die Klinikklassen, weitere bezahlt der Förderverein Schule für Kranke München, um möglichst alle jungen Patienten versorgen zu können. Der Unterricht erfolgt entweder einzeln am Krankenbett, in kleinen Gruppen in einer Art Klassenraum oder nach Möglichkeit per Videoschaltung in eine reguläre Schule. Lehrerin Ingrid Glauz kann sich dann via Bildschirm mit ihrer Klinikklasse etwa beim Thomas-Mann-Gymnasium einklinken. Die Mädchen können dabei sogar eine dort installierte Kamera ferngesteuert zur Tafel schwenken und das Bild vergrößern, um nichts zu verpassen, bei einem Versuch in der Physikstunde etwa. Eine Videokonferenzschaltungen über das Internet helfe besonders krebskranken Kindern, die auf eine flexible Unterrichtsgestaltung angewiesen seien, berichtet Schulleiterin Elisabeth Meixner-Mücke. Dann sind die Kinder mal in der Klinik und dann wieder während der Therapiepausen daheim.
Der Unterricht während ihrer Erkrankung soll den Schüler helfen, den Anschluss zu halten, um später den Wiedereinstieg ihre eigentliche Klasse zu schaffen. Aus ärztlicher Sicht spricht aber noch viel mehr für die schulische Hilfestellung am Krankenbett. „Der Unterricht kann von der Krankheit ablenken und den Willen zur Genesung stärken“, sagt Burdach. Zwar könnten durch „die epochalen Fortschritte in der Medizin heute vier von fünf krebskranken Kindern geheilt“ werden, der Preis der Heilung, Verstümmelungen und Folgeschäden auch durch aggressive Medikamente, sei aber noch sehr hoch. „Deshalb müssen wir uns intensiv um die Kinder kümmern“, so Burdach.
Weil der Bedarf an Videokonferenzschaltungen stetig steigt, hofft der Förderverein auf Unterstützung durch den „Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung“ bei der Anschaffung von Laptops und klassentauglichen Kameras mit Mikrophon. Daneben braucht die Schule dringend Unterrichtsmaterial wie Bücher, Arbeitshefte und Malutensilien sowie Mobiliar für die Klassenräume in den Kliniken.

(SZ vom 29.12.08)