Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Der Vater starb 2007 bei einem Unfall – seine Frau und die drei Kinder fielen in Armut und stehen noch immer unter Schock
Nicht immer gelingt es der jungen Mutter, vor ihren drei Kindern zu verbergen, dass sie traurig ist. Dann kommt die sechsjährige Sarah und versucht zu trösten: „Der Papa lebt im Himmel“, sagt die Kleine und mahnt, nicht länger traurig zu sein. Denn der Papa, der schaue ja zu, aus dem Himmel, und der Papa wolle ganz sicher nicht, dass die Mama traurig ist. Senada G., 26, zeigt ein Foto: Wer das Blechwrack sieht, der weiß, dass diesen Autounfall niemand überlebt hat.
Der jüngste Sohn, Ramon, war gerade zwei Monate alt, als es passierte. Die Familie machte im August 2007 Urlaub in Bosnien, der Papa wollte zusammen mit Verwandten zum Angeln fahren – „ein 40-Tonner hat sein Auto gerammt, keiner hat überlebt“. Länger als ein Jahr ist das nun her, aber Senada G. kann es immer noch kaum fassen. „Wir hatten doch so viele Träume. Wir waren beide jung und haben nicht gedacht, dass das Leben so schnell vorbeigeht.“
Auch für Sarah ist es nicht leicht, denn ihr Papa sei ein „toller Vater“ gewesen, ein „wundervoller Mensch“. Es „war ein Schock, ohne ihn mit dem Leben klarkommen zu müssen“, sagt Senada. „Das Schlimmste ist, man kann nichts ändern.“ Senada war verlobt und wollte den Vater ihrer drei Kinder heiraten. „Sie sind mein Reichtum, alles, was ich habe.“ Und sie dankt im Stillen noch ihrem Verlobten, dass er Sinan, den älteren der beiden Buben, an jenem Tag nicht zum Angeln mitnehmen wollte.
Senada G. hat als Einzelhandelskauffrau gearbeitet, ihr Verlobter war Installateur. „Wir waren nicht arm und auch nicht reich“, sagt die 26-Jährige, „dann hat ihn Gott genommen, jetzt ist es sehr schwierig für mich.“ Eine Waisenrente von 120 Euro insgesamt, dazu Hartz IV, das setzt dem Leben enge Grenzen. „Ich würde meinen Kindern gerne mehr bieten, auch wenn man die Liebe vom Papa nicht ersetzen kann.“ Statt des erhofften Krippenplatzes für den Jüngsten bekam sie eine Absage – weil sie keine Arbeit hat. Aber welcher Arbeitgeber würde heute warten, bis die Kinderbetreuung gesichert ist? Ohne Arbeit kein Krippenplatz – keine Arbeit ohne Krippenplatz. Senada G. ist nicht wählerisch, „Hauptsache, ich arbeite.“
Er kommt nicht zurück
Noch schlafen die drei Kinder in einem Zimmer. Doch Sarah kommt nächstes Jahr in die Schule, bis dahin würde ihr die Mutter gern ein Zimmer herrichten und dafür sogar das eigene Schlafzimmer opfern. „Mir reicht auch eine Schlafcouch im Wohnzimmer, ich bin glücklich, wenn meine Kinder glücklich sind.“ Doch für die bescheidene Umgestaltung fehlt Senada G. das Geld. Die Ersparnisse sind dahin, die Beerdigung ihres Verlobten musste bezahlt werden, „ich habe noch nicht einmal einen Grabstein kaufen können“. Sie hat das Grab seit der Beerdigung nicht besucht, weil sie die Kosten für die Busreise nicht aufbringt: „Es tut mir so leid, dass er nicht hier begraben ist, da könnte ich wenigstens hingehen und mich ausheulen.“
Während Sarah fragt, „glaubst du, der Papa bringt etwas vorbei zu meinem Geburtstag“, reagiert der vierjährige Sinan trotzig: „Ich hasse Papa, weil er nicht da ist.“
Es ist eben schwierig für die Kinder zu verstehen, dass sich ihre Wünsche nicht mehr so leicht erfüllen lassen wie früher, sagt die Mutter: „Letztes Weihnachten waren alle fertig.“ Die Waschmaschine streikt, aber an Ersatz ist ebenso wenig zu denken, wie für einen maroden Küchenschrank. „Ich bin ja kein Luxusmensch. Früher habe ich selbst gespendet für andere.“ Den Tag, an dem sie wieder anfangen könne zu arbeiten, „den werde ich feiern“.
Alleinerziehende, aber auch Familien mitmehreren Kindern, sind stark von Armut betroffen. Viele Familien in München leben unter der Armutsgrenze. Mehr als 21 000 Kinder sind zusammen mit ihren Eltern auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Der bundeseinheitliche Regelsatz ist in einer teuren Stadt wie München nicht ausreichend, darüber herrscht in der Stadtpolitik weitgehend Einigkeit. Gerhild Harrer, Leiterin des Sozialbürgerhauses Mitte, beschreibt die Veränderung durch Hartz IV und die übrigen Sozialreformen in klaren Worten: „Armut in Familien nimmt erschreckende Formen an. So gerät die Anschaffung eines Kühlschranks, einer Waschmaschine oder von Winterkleidung zur Katastrophe. Selbst gebrauchte Möbel, Fahrräder für die Kinder oder die Beiträge für den Musikunterricht sind im knappen Budget nicht vorgesehen. Oft können die Familien das Materialgeld für die Schule nicht aufbringen. Braucht ein Kind noch Nachhilfe, weil es sonst den Anschluss verliert, wird es kritisch.“
Das habe Konsequenzen für die Entwicklung: „Kinder, die unter solch erschwerten Bedingungen aufwachsen, laufen Gefahr, keine Perspektiven mehr für sich entwickeln zu können, sie ziehen sich häufig zurück, reagieren verhaltensauffällig oder verweigern sich.“ Viele Familien, die über längere Zeit Arbeitslosengeld II beziehen oder knapp über dem Existenzminimum liegen, kommen aus der Spirale von Schulden und Problemen aller Art nur schwer heraus. „Häufig bündeln sich Probleme wie Schulden, viel zu kleine Wohnung, Krankheit oder Behinderung, Suchtprobleme und Gewalt und belasten die Familien immens.“
Mit dem Leben am Existenzminimum versucht auch die Familie B. zurechtzukommen. Die Tränen lassen sich nicht aufhalten, obwohl Bernd B. seiner Frau liebevoll den Kopf streichelt. „Mich hat es jetzt ja derbröselt“, sagt Lucia B., 65. Im Sommer hatte sie ihren zweiten Schlaganfall. „Früher habe ich alles gemacht.“ Der zweite Schlaganfall in diesem Jahr hat ihr Sehvermögen beeinträchtigt. Lucia B. braucht Hilfe,umaufzustehen, „ich kann schlecht laufen“. Dazu kommen Herzprobleme und Diabetes. Deshalb muss sich Bernd B., 64, um den Haushalt kümmern und den seit der Geburt schwerstbehinderten Sohn betreuen, der inzwischen 32 Jahre alt ist.
Zeit hat der ehemalige Kraftfahrer mehr, als er jemals haben wollte: „Ich bin mit fast 59 Jahren entlassen worden, zusammen mit einem Kollegen – wir waren die beiden ältesten.“ Am Anfang der Arbeitslosigkeit hat er gedacht, „ich fühle mich gut und werde bald wieder etwas finden.“ Doch wenn er nachfragte, was aus seinen Bewerbungen geworden sei, dann bekam er Sprüche zu hören, die ihn bitter trafen: „Wir sind ein junges Team, wir hätten uns einen Jüngeren vorgestellt.“ Abgekanzelt und zum alten Eisen gehörig , so habe er sich gefühlt, „dabei habe ich mein ganzes Leben gearbeitet. 42 Jahre lang, und ich war nie arbeitslos“. Sechs Jahre ist er nun ohne Arbeit und kann es immer noch nicht fassen: „Die Firma hat uns entlassen und dann dafür Leiharbeiter eingesetzt.“
Inzwischen bezieht er Arbeitslosengeld II, „das ist das Schlimmste für mich – ich wollte doch bis zum Alter von 65 Jahren arbeiten, statt auf Bitten und Betteln angewiesen zu sein“. Aber jetzt brauche ihn seine Frau. Dann tätschelt er seiner Frau die Wange und sagt zu ihr, „das hatte ich mir auch anders vorgestellt, nichtwahr, Haserl.“ Nach 33 Jahren Ehe wirken die beiden immer noch wie frisch verliebt. Dabei hatte sich die gebürtige Münchnerin Lucia B. geschworen, niemals einen „Preißn“ zu heiraten: „Lieber derschieß ich mich.“ Doch dann traf die Fotografin den Berliner Bernd B., ein „Edel-Preuße“, wie sie lachend sagt.
Beide Söhne sind längst erwachsen, der eine arbeitet als Altenpfleger und unterstützt die Eltern immer wieder von seinem bescheidenen Gehalt. Der jüngere Sohn aber ist schwerbehindert von Geburt an. Zwei schwere Operationen am Kopf musste er im Kleinkindalter überstehen, dazu kam Autismus. „Es war sehr anstrengend, ihn zu betreuen“, sagt Bernd B., „er war als Kind sehr aggressiv“, und seine Frau erzählt: „Einmal hat mich ein Trambahnfahrer rausgeworfen, weil er so geplärrt hat.“ Heute braucht er überallhin Begleitung, „allein auf der Straße bekommt er Panik“. Außerdem kann er nicht lesen, ist nahezu gehörlos und kann sich sprachlich bei Fremden kaum verständlich machen.
Es lässt sich erahnen, dass es die Eltern nicht einfach haben, aber sie beschweren sich nicht. Der Sohn kann auch außerordentlich sensibel sein. Seit den Krankenhausaufenthalten der Mutter sagt er immer wieder: „Mama, nimmer Krankenhaus – zuhause bleiben.“
Anders als der Vater, ein alter 60er, ist der behinderte Sohn ein großer FC-Bayern- Fan. Wann immer es das schmale Budget der Familie erlaubt, bekommt er zu seiner großen Freude Fanartikel. Lucia B. würde ihm gern ein FC-Bayern-Rasierwasser schenken. Aber das Konto ist ohnehin schon im Minus. Die Zuzahlungen für Medikamente, Krankenhaus und Hilfsmittel, die selbst zu tragenden Kosten für Arzneimittel und dann noch eine Stromnachzahlung – „der letzte Monat war schlecht“, sagt Bernd B., dessen Frau nur eine kleine Rente bezieht.
Sie wollen nicht jammern
Ich habe bei meinem Vater im Geschäft gearbeitet und war lange nicht kranken- und rentenversichert.“ Lucia B. brauchte vor kurzem neue Gläser für ihre alte Brille, aber auch die zahlt die Krankenkasse längst nicht mehr. Eine Ausgabe, die schon ohne neues Gestell zwei Drittel des monatlich vom Staat zugestandenen Lebensbedarfs für einen Langzeitarbeitslosen aufzehrt.
Als Bernd B. noch einen Job hatte,war es auch kein Problem, den Sohn an Behindertensportwettbewerben teilnehmen zu lassen. Aber vor kurzem, da konnten sie ihn nicht einmal mehr nach Ingolstadt zu einem Wettkampf mitfahren lassen, „weil wir kein Geld hatten“, sagt Bernd B., der darauf hofft, dass sich seine Situation ein wenig bessert, wenn er nächstes Jahr Rente erhält. „Wir können uns vieles nicht leisten. Aber ich will nicht jammern, es gibt bestimmt Familien, denen es noch dreckiger geht.“
Seine Frau trägt die Pelzstiefel ihrer vor mehr als 30 Jahren gestorbenen Mutter: „Wenn es meinen Buben gut geht, dann geht es mir gut.“ Einmal ohne Bedenken einkaufen zu können, etwas Süßes und vielleicht sogar eine Gans zu Weihnachten, oder statt die Haare selber zu schneiden zum Friseur nebenan für neun Euro zu gehen, davon träumt B. und sagt dann: „Ich bin eigentlich ein Typ, der das nicht braucht.“
Weihnachtswünsche von armen Familien und ihren Kindern
Armut grenzt aus: Spendengelder werden gebraucht, damit Kinder nicht von Aktivitäten Gleichaltriger ausgeschlossen bleiben, wie Kino- oder Schwimmbadbesuche oder der Mitgliedschaft in einem Sportverein.
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, das überwiesen oder Montag bis Freitag von 9.30 bis 18 Uhr und am Samstag von 9.30 bis 15 Uhr im SZ-Servicezentrum, Sendlinger Straße 8, eingezahlt werden kann.
Unser Spendenkonto:
„Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung e.V.“ HypoVereinsbank München
Kto.-Nr. 82228 (BLZ 700 202 70)
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(SZ vom 20.12.08)