SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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06.12.2008

Adventskalender für gute Werke

Am Ende bleibt nur das Elend

„Ziehen Sie sich warm an“, sagt Jeanette S. am Telefon. Sie hat recht, in ihrer Wohnung ist es ungemütlich kühl. Eigentlich sollte der Ofen im Flur die zwei Zimmer, Küche und Bad erwärmen. Die Kohlen stehen in Schütten bereit, ein Nachbar trägt sie der alten Frau aus dem Keller in den zweiten Stock.



Jetzt müsste wieder die Asche ausgeleert werden. Doch wie soll eine 79-Jährige das bewerkstelligen, die am Stock geht, sich oft mit der anderen Hand an den Möbeln festhält und nur noch selten ohne fremde Hilfe den Weg nach unten schafft? „Es gibt ein Gerät für 25 Euro, das die Asche in den Staubsauger bläst“, hat Frau S. gehört. „25 Euro“, wiederholt sie kopfschüttelnd. Da bleibt es eben kalt.
In der kleinen Küche hat die Rentnerin einen Heizstrahler angeschaltet, für den Besuch und weil eine Kranke nicht immer bei „zehn, elf Grad dasitzen oder sich ins Bett flüchten kann“, sagt die alleinstehende Münchnerin, die hier mit einem französischen Vornamen genannt werden will. Vielleicht weil es ihrem Leben in Krankheit und Armut ein wenig Glanz verleiht. Genauso wie der „Filmfritze“ mit den berühmten Schauspielern, für den sie eine Zeitlang Putz- und Schreibarbeiten erledigt hat, oder ihre früheren Fertigkeiten auf dem Kunstrad. Wenn Jeanette S. davon erzählt – und sie erzählt gern und den ganzen Vormittag – lacht sie immer wieder glockenhell, ein Jungmädchenlachen, bei dem sie die bittere Realität ein paar Herzschläge lang vergisst.

Bescheidene Wünsche


Die Wirklichkeit lässt jedes Lachen ersticken: Frau S. leidet an Krankheiten und Gebrechen, die teilweise in der Jugend begonnen haben und sie jetzt im Alter heftig bedrängen, sie kämpft mit chronischer Geldknappheit, für die keine Umschreibung, sondern schlicht das Wort Armut passt. Ihre Not verwaltet Jeanette S. wie eine gute Buchhalterin, die sie einst auch gewesen ist. Auf verschiedenen Zetteln hat sie in akkurater Schrift die monatlichen Einnahmen und Ausgaben aufgelistet, die geringe Rente, aufgestockt um 108 Euro vom Sozialamt, abzüglich 225 Euro Miete, abzüglich Strom, Holz und Kohle – der einmalige Zuschuss zur „Winterfeuerung“ reicht nicht – und Telefon. Für eine Spezialkost, die vom Arzt verordnet ist, gehen rund 60 Euro weg und etwa der gleiche Betrag für Waschpulver, Reinigung und Mangeln. Bleiben genau 37,71 Euro übrig „zum Leben“, sagt Jeanette S. und blickt auf die Bilanz ihres Elends.
Mit 13 wurde sie im Krieg verschüttet. Vier Tage lang harrte das Mädchen schwerverletzt in den Trümmern einer Kölner Schule aus. Seither stabilisieren Metallplatten an der Wirbelsäule und am Fuß die gebrochenen Knochen, beide lädierten Handgelenke konnten die Ärzte nur notdürftig reparieren. Eiserne Disziplin und ein engagierter Onkel holten die junge Frau dann wieder aus dem Rollstuhl, sogar intensiver Sport, „meine ganze Freude“, war ihr möglich. Doch längst quälen die Seniorin mit dem Schwerbehindertenausweis die kaputte Wirbelsäule und die arthritischen Hand- und Fußgelenke so sehr, dass jedes Aufstehen und jeder Handgriff mit einem unterdrückten Seufzen begleitet werden.
Die Zahnpastatube bleibt offen, die Wasserflasche dreht der Besuch auf, kein Wunder, dass Frau S. mit ihren schmerzenden Fingern nicht mehr Wäsche aufhängen und bügeln kann. Das kommt sie teuer, denn sie muss häufig Bettzeug, Wäsche und Kleidung reinigen lassen. Bei einer Operation in den siebziger Jahren wurde ihr Schließmuskel so schwer geschädigt, dass die Frau seither inkontinent ist, erst am Darm und inzwischen auch an der Blase. Eine siebenstündige Bauchoperation vor zwei Jahren hat ihr zudem so viel Kraft geraubt, dass sie inzwischen Pflegestufe 1 bekommt.
Eine Bekannte betreut die Kranke seither an einigen Tagen. Sie kauft ein, macht sauber, befördert Jeanette S. in die Badewanne und zieht sie auch an, wenn sie manchmal um zwei Uhr nachmittags noch im Nachthemd ist, weil sie es nicht schafft, allein die Kleidung über den Kopf zu ziehen und die Knöpfe zu schließen. Jetzt quält die alte Frau ein neues Problem: Vom nächsten Jahr an kann ihre Helferin sie nicht mehr zu Arztbesuchen und einmal wöchentlich zur Münchner Tafel bringen. „Ich brauche eine neue Begleitperson“, sagt Frau S.
Ihre übrigen Wünsche sind so bescheiden wie ihr Leben: Endlich Sir Willie, den geliebten Kater, beim Tierarzt impfen und seine „schwarzen Pünktchen am Auge“ anschauen lassen. Neue Batterien für das Hörgerät kaufen. 17,68 Euro an die Helferin zurückzahlen, die diese für Lebensmittel vorgestreckt hat, und in der Kirche und im Seniorenclub einen kleinen Betrag geben, wie die anderen auch. Inzwischen geht sie dort nicht mehr hin, weil sie sich wegen ihrer Armut schämt. „Ich will doch nicht betteln“, sagt sie und sorgt sich, dass ihre Geschichte im SZ-Adventskalender genau so verstanden werden könnte. Und dann macht sie eine Bemerkung, die einen erschrecken lässt: „Oft bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch überlege, was ich mit dem Willie mache.“
„Die Situation von Menschen, die alt und krank sind, ist bedrückend“, sagt Gertraud von Gaessler, die bei der Stadt München das Amt für soziale Sicherung leitet. München hat die gesetzlichen Möglichkeiten zu einer Erhöhung der Sozialhilfe wegen höherer Lebenshaltungskosten voll ausgeschöpft und so eine Vorreiterrolle übernommen. Bei der bundesweiten Einführung eines pauschalen Regelsatzes für die Grundsicherung, die trotz der Erhöhung in München auch mit 375 Euro knapp genug ist, sei nur an die Gesunden gedacht worden, kritisiert sie, nicht an Kranke und Behinderte. Diese müssten viele Ausgaben für die Gesundheit, von der Brille über Fußpflege bis zu orthopädischen Schuhen, vom Regelsatz bestreiten. Von 2005 an seien auch einmalige Leistungen weggefallen, „mit denen wir auf Notlagen flexibel reagieren konnten“, bedauert Gaessler den „deutlichen Rückschritt“ im Sozialgesetzbuch.

Das Leben umgekrempelt


Als vor sechs Jahren der Vater starb und sich der Gesundheitszustand der Mutter rapide verschlechterte, hat Jutta R. ihr Leben geändert. Sie hat die heute 79-Jährige bei sich aufgenommen, um sie zu pflegen. Aus der anfänglichen stundenweisen Betreuung ist ein Rund-um-die-Uhr-Job geworden, für den Jutta R. die eigene Berufstätigkeit aufgegeben und selbst mit gesundheitlichen Problemen reagiert hat. Mutter und Tochter leiden an starker Osteoporose und Arthrose. Die 54-jährige Jutta R. hat sich beim Umlagern der Kranken schon einen Ermüdungsbruch am Steißbein zugezogen, auch die Schulter musste sie sich operieren lassen. Ihre Mutter liegt bewegungsunfähig im Pflegebett, die Knochen so stark deformiert, dass sie mit einem einzigen Finger gerade noch ein Glöckchen läuten kann, um sich bemerkbar zu machen. Der geschundene Körper bereitet ihr so furchtbare Schmerzen, dass nur Morphium hilft und das Windelwechseln jedesmal zur Tortur gerät. Seit einem Schilddrüsentumor erhält die Kranke zudem Sauerstoff und ist in den vergangenen Wochen, trotz einer Sprechkanüle, verstummt.
„Es ist immer irgendetwas“, sagt Jutta R., und ihre Augen füllen sich schon wieder mit Tränen. Trotz des Pflegedienstes, der ihr tatkräftig zur Seite steht, bricht sie unter der Last fast zusammen. Die Mutter gut zu versorgen, ihr die Ängste vor dem Alleinsein zu nehmen und ihr plötzliches Weinen zu verstehen – das ist die eine große Herausforderung. Die andere besteht im Kampf mit Kliniken und Kassen, mit Behörden und Heimen. Nervös streicht sich Jutta R. durchs Haar. So viel will sie loswerden: Wie die Mutter mit Morphiumentzug aus der Klinik in die häusliche Obhut entlassen wurde, wie die Kurzzeitpflege für die alte Frau einen Tag vor dem eigenen OP-Termin abgesagt wurde, wie im Krankenhaus manchmal nur das Essen hingestellt wurde, obwohl die Hilflose gefüttert werden muss. „Das geht alles nah ran.“
Die finanzielle Lage der beiden Frauen verschärft sich. Alle vier Tage braucht die Kranke ein neues Medikament zum Inhalieren, das Jutta R. wie die Wundsalben, Augentropfen, Abführmittel und die Lagerungskissen selber bezahlt. „Mir graut es vor der Stromrechnung“, sagt sie und schaut auf das Beatmungsgerät, das Tag und Nacht läuft. Eigentlich wäre ein Pulsoxymeter vonnöten, das den Sauerstoffgehalt im Blut misst, doch es ist ebenso zu teuer wie eine neue Brille.
„Wie soll das alles nur werden“, grübelt Jutta R. – und meint nicht nur die eigene Situation. Fast 10 000 Menschen über 65 sind in München auf Grundsicherung angewiesen, Tendenz steigend. Für 2020 rechnet das Sozialreferat mit 24 000 Personen. Wie viele Alte sonst aufgrund ihrer Gebrechen an der Armutsgrenze leben,weiß keiner genau. Was hat Jeanette S. gesagt? Man müsse sich warm anziehen. Sie hat recht.

Weihnachtswünsche von alten und kranken Menschen


Luxus kann für alte, kranke Menschen ein Lebensmittelpaket sein, warme Kleidung, ein Zeitschriften-Abo, ein Haarschnitt vom Friseur. Viele verzichten aus Geldnot auf Dinge, die ihr Leben erleichtern könnten: Einen rutschfesten Stuhl im Badezimmer, einen bequemen Sessel, einen Fernseher oder ein gutes Radio. Pflegende Angehörige sind froh, wenn sie sich ein paar Stunden Freizeit erlauben können.

Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, das überwiesen oder Montag bis Freitag von 9.30 bis 18 Uhr und an allen Samstagen im Dezember von 9.30 bis 15 Uhr im SZ-Servicezentrum, Sendlinger Straße 8, eingezahlt werden kann.

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(SZ vom 06.12.08)