Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Es war Max’ größter Wunsch, noch einmal den Wald zu sehen vor seinem Tod. Das Rascheln von Laub unter den Füßen zu spüren, das Knacken der Äste. Ein bösartiger Tumor im Halsbereich hatte den 69-Jährigen zu diesem Zeitpunkt schon so geschwächt, dass er nicht mehr gehen konnte und starke Schmerzmittel brauchte.
Sein Hospizhelfer, ähnlich anpackend wie Max einst, tat daher etwas, das keiner sich mehr zutraute: Er hob Max auf den Beifahrersitz seines Wagens, den Rollstuhl in den Kofferraum, und fuhr ihn in den Wald. Max lauschte, atmete den Geruch des regennassen Bodens ein – und sprach drei Wochen vor seinem Tod zum ersten Mal über seine Ängste und Hoffnungen. Als der Hospizhelfer den erschöpften Mann nach Hause fuhr, war er wie ausgewechselt.
Gisela Rott, Koordinatorin und Einsatzleitung im Christophorus Hospizverein Erding, erinnert sich gern an die Wald-Episode, zeigt sie doch anschaulich, welche Funktion ein Hospizhelfer im Leben eines Sterbenden einnimmt. Es geht um Bedürfnisse und Nöte todkranker Menschen, um psychosoziale Begleitung der Patienten und ihrer Angehörigen, um Fahrdienste, aber auch umletzte Wünsche. Die Ehrenamtlichen haben in vielen Seminaren und einem Praktikum gelernt, wie ein Sterbeprozess verläuft und wissen, wie sie Angehörigen die Angst nehmen können, wenn Atemnot beim Sterbenden einsetzt oder er sich erbricht. Die Ehrenamtlichen sind da, in Krankenhäusern, Altenheimen, zu Hause. Sie verkürzen die langen Tage. „Fast jeder zweite Bewohner eines Altenheims erhält nie Besuch und viele machen zum ersten Mal die Erfahrung, dass jemand nur wegen ihnen kommt“, sagt Rott. Ehrenamtliche begleiten Angehörige auch nach dem Tod des Familienmitglieds.
Der durch Spenden und Mitgliedsbeiträge finanzierte Hospizverein ist neben dem Palliativ-Team Erding, Hausärzten und Pflegediensten ein Baustein im straffen Netzwerk, das Menschen ermöglicht, unter medizinisch angemessenen Umständen würdevoll zu Hause zu sterben. Auch wenn es beim Hospizverein oft um Zuhören und Da-Sein geht: Der Verein übernimmt auch eine allgemeine ambulante Palliativversorgung (AAPV). Für spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) bei schweren Fällen ist heute das Palliativteam im Einsatz. Wenn Gisela Rott als erste zu einem Patienten gerufen wird, schaut sie sich die Bedürfnispyramide an. Die beginnt mit der Frage: „Was braucht der Patient?“ Da kann es finanzielle Probleme geben oder eine so starke Verdrängung, dass niemand über eine Patientenverfügung nachgedacht hat, sagt sie. Muss die Pflege koordiniert und vielleicht das Palliativ-Team eingeschaltet werden, weil eine 24-Stunden-Rufbereitschaft nötig ist? Manchmal gebe es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Pflegeeinstufung oder ein Pflegebett, sagt sie – der Patient liegt im Ehebett unterm Dach, obwohl er längst keine Treppenmehr gehen kann. Doch auch wenn die äußeren Umstände noch so schwierig sind: „Zu Hause sterben wollen die meisten“, sagt Rott. „Für den Sterbenden ist das befriedigender – aber die Angehörigen brauchen den Mut, möglicherweise allein zu sein, wenn der Mensch verstirbt. Das ist eine Leistung, vor der ich den Hut ziehe.“
Im Moment ist die Situation nicht einfach, es gibt nicht genügend Hospizhelfer. Drei Verfügbare hat Rott in ihrem Terminplan, zehn wären wünschenswert, sagt sie. Denn der Bedarf wächst. Die Befürchtung, durch die Gründung des Palliativ-Teams Erding im April würden sie überflüssig, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Das Palliativteam gibt Fälle zurück an den Hospizverein, wenn eine spezialisierte Palliativversorgung noch nicht notwendig ist. 60 Menschen haben die 32 Ehrenamtlichen 2011 begleitet, insgesamt 1000 Stunden Zeit gegeben, am Ende oft häufiger als einmal die Woche. Gisela Rott lächelt sanft: „Eine ungewöhnliche Situation erfordert eben ungewöhnliche Maßnahmen“, sagt sie. „Sterben wartet nicht, Sterben hat keine Zeit.“
(SZ vom 17.12.11)