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28.11.2009

Opfer und Angehörige brauchen Hilfe

Lernen, mit Leid zu leben

Mehmet robbt über den Boden und schiebt einen Schemel vor sich her. Das
Holz ist seine Stütze und sein Spielzeug zugleich. Flott ist der Neunjährige, den
die Mutter „meine kleine Maus“ nennt. Er rumpelt durch den Flur, poltert ins
Wohnzimmer, wo sein Vater neben dem jüngsten Familienmitglied auf dem Boden sitzt.



Freitags hat Arkan S. schon am Mittag Dienstschluss, nun genießt er die Zeit, in der auch er sich um die Kinder kümmern kann. Der Vater hebt die neun Monate alte Mina von der Kuscheldecke auf, herzt sie. Es stört ihn nicht, dass die Tochter anders ist als andere Kinder. Auch Mehmet ist anders.
Beide Kinder von Arkan und Sureia S. kamen mit einer Balkenagenesie auf die Welt, einer angeborenen Fehlbildung des Gehirns, bei der die Nervenfasern zwischen der rechten und linken Hirnhälfte fehlen. „Irreversibel“ sei eine solche Schädigung, sagt der Kinderneurologe Ingo Borggräfe von der Haunerschen Kinderklinik. Und oft gehen zusätzliche Gehirnfehlbildungen mit der Krankheit einher. Behandeln können die Mediziner nur die Symptome. Mehmet hatte schon kurz nach der Geburt seinen ersten epileptischen Anfall. Eine schwere Geburt sei es gewesen, erinnert sich Sureia S.. Mehmet war überfällig, das Fruchtwasser grün, als er zur Welt kam, und er ganz blau, als sie ihn das erste Mal sah. Zwei Jahre lang war die Familie Stammgast in einer Kinderklinik. Mehmet musste eine Herzoperation über sich ergehen lassen, sein Wasserkopf wurde operiert; er war an ein Beatmungsgerät angeschlossen und wurde über eine Nasensonde ernährt. Dann drückte etwas auf sein Kleinhirn; die Ärzte vermuteten einen Tumor. „Da wäre ich fast gestorben vor Angst“, sagt Sureia S.. Es war nur eine Zyste.
Auch heute noch ist die Mutter ständig in Sorge um ihren Sohn. Nachts stehen die Türen offen zwischen dem elterlichen Schlafzimmer und Mehmets Raum, in dem er seit kurzem in einem Spezialbett schläft. Mannshohe Holzstäbe umgeben die Matratze, doch das Bett ist nötig: Man kann die Liegefläche hochfahren, und die Mutter, die Probleme mit den Bandscheiben hat, wechselt ihrem Sohn nun hier die Windeln. Außerdem hatte Mehmet die Angewohnheit, nachts auf Wanderschaft zu gehen; seit Jahren haben die Eltern deshalb nicht durchgeschlafen. Noch immer benötigt Mehmet viel Aufmerksamkeit.
Sureia S. schafft es dennoch, die sechsköpfige Familie zu versorgen, obwohl sie für Mehmet eigene Kost zubereiten muss. Zum Frühstück isst er nur Babybrei, „etwas anderes bringt er nicht runter“. Andere Speisen püriert die Mutter, nur so kann sie Mehmet überhaupt dazu bringen, dass er etwas zu sich nimmt. Das Gefühl für Hunger oder Durst fehlt ihm, und so ist die 30-Jährige schon froh, wenn Mehmet sich ohne Gegenwehr ein paar Löffel Naturjoghurt einflößen lässt. An manchen Tagen sitzt Sureia S. zwei Stunden neben ihrem Sohn, um ihn zum Essen zu motivieren, während er weint oder um sich schlägt. Wutausbrüche bekommt Mehmet auch, wenn er etwas nicht will – gewaschen werden zum Beispiel. Als er noch ein Kleinkind war, kam die Mutter damit besser zurecht. Inzwischen ist Mehmet so groß, dass Sureia S. ihn manchmal nicht mehr auffangen kann, wenn er sich losreißt. Vor kurzem hat Mehmet sich den Kopf an der Tür blutig geschlagen. Die Mutter war allein zuhause, wusste nicht, wie sie ihr Kind ins Krankenhaus bringen sollte. Ein Nachbar hat dann sein Auto ausgeliehen.
Ein eigenes Auto würde die Familie sich wünschen, ein gebrauchtes, mit dem man zum Arzt fahren könnte. Oder, wenn es mit dem Auto nicht klappt, genug Geld, um mit der Bahn mal einen Ausflug zu unternehmen. Nach Legoland, an einen See.
Sureia S. wurde trotz Verhütung schwanger. Als sie das bemerkte, hatte sie nur einen Wunsch: Dass das Mädchen nicht diesselbe Krankheit haben möge wie Mehmet. Die Ursache für eine Balkenagenesie ist schwer festzustellen. Bei 30 Prozent der Fehlbildungen lägen genetische Faktoren zugrunde, sagt Kinderneurologe Borggräfe. Bei Familie S. ist dies offenbar der Fall. Erst in der 25. Schwangerschaftswoche konnten die Ärzte auf dem Ultraschallbild die Fehlbildung in Minas Gehirn erkennen. Sureia S. hatte mit ihrem Arzt zwar über eine Abtreibung gesprochen, doch ihr Kind zu töten, das brachte sie nicht übers Herz. „Sie bewegte sich schon so in meinem Bauch.“ Jetzt klammern sich die Eltern an eine neue Hoffnung: Dass Mina nicht so schwer behindert ist wie Mehmet.
Eine Hoffnung hat auch Hubertus M.: Dass er seinen Therapeuten behalten kann, den Menschen, dem er vertraut wie wenigen auf dieser Welt. „Der weiß wirklich alles von mir“, sagt Hubertus, auch Dinge, über die der 18-Jährige ungern spricht. Die Mutter tut es dann für ihn, wobei Ute M. jedes Mal ihren Sohn fragt: „Ist es dir recht, wenn ich das erzähle?“
Hubertus wurde als Kind von seinem Vater sexuell missbraucht. Erfahren hat die Mutter das erst, nachdem sie sich von ihrem Ex-Mann getrennt hatte. „Geflohen bin ich“, sagt sie, als die Schläge unerträglich wurden. Entdeckt wurde der Missbrauch Jahre später, als Hubertus 13 war und wegen einer Blinddarm-OP ins Krankenhaus musste. Ein Darmverschluss kam hinzu. Ute M. schildert, wie die Chefärztin ins Zimmer kam. „Wie eine Furie“ sei die Ärztin auf ihren damaligen Lebensgefährten zugestürmt, sagt M., habe ihm Hausverbot erteilen wollen, bis das Missverständnis geklärt war, dass nicht er der Vater des Jungen ist. Die Ärztin nahm Ute M. beiseite, berichtete von Verwachsungen im Darm, die nur durch „Gewalteinwirkung“ entstanden sein konnten. „Damals hätte ihn am liebsten umgebracht“, sagt die Mutter.
Hubertus ist gerade volljährig geworden, seinem Bruder Michael, zwei Jahre jünger, geht es besser. „Das Meiste hab’ ich abgekriegt“, sagt Hubertus. Als die Kinder klein waren, arbeitete die Mutter unter der Woche in München, die Familie lebte in Niederbayern. Einmal hatte ihr Ex-Mann Ute M. eine Katze geschenkt, die Hubertus auf Schritt und Tritt folgte. Also ließ Ute M. sie beim Sohn. Eines Tages fiel das Tier in die Kloschüssel, war nass und maunzte. Da habe der Vater ein Gewehr geholt und die Katze erschossen, erzählt Hubertus: „Vor meinen Augen.“
Nie hat Hubertus über den Missbrauch gesprochen, nicht in der Zeit, als sich der Vater an ihm verging. Und auch später nicht. Die Mutter hat sich nur gewundert, warum ihr Sohn immer so abwesend ist. Warum er den Tisch wie von Sinnen mit einem Messer malträtiert und hinterher sagt: „Ich war das nicht.“ Die Trennung vielleicht, überlegte die Mutter. Oder Autismus? Ute M. suchte Rat im Internet, wandte sich an den Weißen Ring. Sie schöpfte Verdacht. „Der Gedanke kommt und geht, aber du schiebst ihn weg.“ Bis zur Blinddarm-Operation.
Seit 2005 ist Hubertus in Behandlung. Es sei schwierig gewesen, einen Therapeuten zu finden, bei dem auch die Chemie passt, sagt Ute M.. Mehr als einmal stand Hubertus am Fenster, drohte runterzuspringen. Zweimal hat Hubertus versucht, eine Aussage gegen den Vater zu Papier zu bringen. Beide Male sei ihr Sohn beim Versuch, sich zu erinnern, zusammengebrochen, sagt UteM.. Schließlich entschied die Mutter sich gegen eine Anzeige. „Hätte ich riskieren sollen, dass mir mein Kind stirbt?“ Hubertus hat aufgrund seiner Erinnerungslücken ohnehin Zweifel, dass bei der Anzeige „was rauskommen würde“. Eine Erfahrung, die Peter Moser von kibs, der Münchner Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Jungen, öfter macht. „Nur ein Bruchteil der Täter wird verurteilt, oft mit Bewährung“, sagt Moser. Dabei sind jene 4000 Fälle, von denen die Polizei bundesweit pro Jahr Kenntnis erhält, nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert. Zwischen fünf und zehn Prozent aller Jungen müssen sexuelle Gewalt erleben, hat eine Studie jüngst ergeben; häufig sitzen die Täter in der Familie. Bis die Opfer sich jemanden anvertrauen, vergehen meist viele Jahre. Hubertus M. hatte das Glück, einer aufmerksamen Ärztin zu begegnen.
Vier Jahre Therapie sind für Therapeuten nur ein Beginn. Aus Sicht von Ms. Krankenkasse reicht das. Hubertus soll nun zwei Jahre pausieren, dann werde man weitersehen, so die Mitteilung. „Wir kennen dieses Problem“, sagt Moser. Die Kassen würden oft solche Therapiepausen erzwingen, selbst wenn die Opfer den Abbruch der Therapie als weiteren Bruch einer Beziehung erleben, die sie mühsam aufgebaut haben. Hubertus’ Therapeut hat ihm schon Stunden geschenkt, doch auf Dauer müsste Ute M. die Stunden zahlen. Bald stehen für Hubertus Abschlussprüfungen an. Die Therapiestunden geben ihm Sicherheit. Die Gespräche dort, sagt er, „bedeutet mir sehr viel. Über einiges bin ich ja schon hinweg.“ Einiges aber ist nicht alles.

(SZ vom 28.11.09)