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08.12.2011

SZ - Landkreisausgabe Bad Tölz - Wolfratshausen

Leben mit dem Rechenstift

Seit einem Monat wohnt die Familie M. (alle Namen geändert) in einer neuen Wohnung. Fünf Zimmer für zwei Erwachsene und vier Kinder, das ist zwar immer noch eng, sagt Mutter Elisabeth (31). Aber die jüngste Tochter sei erst ein Jahr alt und könne noch bei ihren Eltern im Bett schlafen. Einem 1,40 Meter breiten Bett mit durchgelegener Matratze.



Seit sieben Jahren sparen Elisabeth und Klaus M. auf ein neues Bett, doch ständig kommt etwas dazwischen: Mal versagt die Waschmaschine ihre Dienste, mal das Auto, mal benötigten die Kinder neue Klamotten. „Das Bett blieb immer auf der Strecke“, meint Elisabeth M. In der alten Wohnung schliefen die Eheleute auf der Couch im Wohnzimmer wegen des Platzmangels. „Das war schlimm. Das hat an der Beziehung und am Schlaf gezehrt“, erinnert sich die Mutter. Seit dem Umzug haben Elisabeth und Klaus M. zumindest ein eigenes Schlafzimmer.
Das Geld, dass der Vater verdient, reicht nicht für die ganze Familie. Momentan kommt sie mit Elterngeld und Wohngeld über die Runden. Etwa 100 bis 150 Euro stünden ihr pro Woche für Einkäufe zur Verfügung – für eine sechsköpfige Familie. „Ich sitze jeden Monat da und rechne“, sagt Elisabeth M. Meistens reiche das Geld auf den Euro genau. Dafür muss die Familie allerdings auf viel verzichten: Besuche im Kino, Tierpark und Schwimmbad fallen flach. „Das tut mir für die Kinder sehr leid, aber es geht nicht anders.“ Besonders schmerzen sie Fragen wie die ihres zweitältesten Sohns: „Warum können wir nicht so sein wie andere Familien?“
Ja, warum? Elisabeth M. sagt, sie habe sich um Jobs beworben und immer wieder eine Absage erhalten. Der Grund: Sie gilt mit vier Kindern als unflexibel. Tölz ist nach ihrer Erfahrung „sehr kinderunfreundlich“. Problematisch sei auch, dass sie niemanden in der Stadt kenne, der sich um die Kinder kümmern könnte. Neben den aktuellen Kosten trägt das Ehepaar außerdem Schulden von etwa 21.000 Euro mit sich herum. Denn Dinge, für die es kein Geld hatte, kaufte das Ehepaar auf Raten – die Schuldenfalle schnappte zu. Die Schuldnerberatung habe ihnen die Privatinsolvenz empfohlen, sagt Elisabeth M. Noch zögern sie, diesen Schritt zu gehen.
Das letzte Weihnachtsfest fiel spärlich aus in der Familie M. Ihrem Mann war ein Tag zuvor gekündigt worden, sie kam nach der Geburt ihrer Tochter gerade aus dem Krankenhaus. Auch in diesem Jahr ist Klaus M. von Arbeitslosigkeit bedroht: Sein Betrieb soll verkleinert werden, er rechnet damit, dass er wieder seine Arbeit verliert. „Ich habe Panik, dass wir wieder von Hartz IV leben müssen“, sagt Elisabeth M.. Dennoch hofft sie, dass heuer Weihnachten schöner wird: „Die Kinder leiden unter der Situation.“ Einen Christbaum wird die Familie auf jeden Fall aufstellen – und zwar einen aus Plastik. Ein echter Baum wäre zu teuer.

(SZ vom 08.12.11)