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09.12.2011

SZ vom 09.12.11

"Keine großen Ansprüche mehr"

Früher, sagt Gila R., konnte sie sich eine schöne Wohnung leisten, da hat sie noch arbeiten können. Das war, bevor sie an Krebs erkrankte und in der Folge danach auch psychisch zusammenbrach. Inzwischen bezieht sie eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente und erhält ergänzend Grundsicherung vom Sozialamt.



Es ist ein winziges Appartement in einem Hochhaus, das die 62-Jährige bewohnt und, so gut es mit bescheidenen Mitteln eben geht, versucht hat, wohnlich einzurichten. „Ich gucke nach vorn“, sagt sie, erzählt von dem schönen Himmel über München, dessen Färbung bei Sonnenaufgang sie aus dem zehnten Stock ganz intensiv erlebt.
Doch manchmal „überkommt mich auch der Jammer“. Gerne würde sie viele Leute zu sich einladen und für sie kochen, doch dafür ist der eine Raum viel zu klein. Und die Kochnische verfügt noch nicht einmal über einen Backofen, nur über zwei Kochplatten. Deshalb träumt sie schon lange davon, sich einen kleinen Herd zu kaufen. Besonders schmerzlich vermisst sie ihr Klavier, denn Musik hat ihr schon immer viel bedeutet. Aber sie habe „keine großen Ansprüche mehr, die Zeiten des eigenen Hauses sind vorbei“.
Sie hat in vielen verschiedenen Berufen gearbeitet, war als Lektorin und Trickfilmzeichnerin tätig ebenso wie als Stewardess, in der Fabrik und als Hauswirtschafterin. Vor zehn Jahren erkrankte sie an Krebs, „das hat mich umgehauen, es war schrecklich“. Danach „bin ich in ein Loch gefallen und in der Psychiatrie gelandet“. Inzwischen geht es ihr wieder besser. Gila R. fragt sich manchmal, „warum ich das alles erleben musste, aber dann hole ich mich wieder selbst auf den Teppich und sage mir: Sei zufrieden.“
Gerne würde sie arbeiten, „aber ich muss sehen, dass ich das gesundheitlich schaffe“. Sie hat sich daran gewöhnt, dass sie immer wieder einiges vom Einkaufszettel streichen muss, weil das Geld nicht reicht. Dabei würde sie gerne mal in die Berge fahren, einmal selbst eine gute Hose aussuchen, statt sich Kleidung schenken zu lassen. Der Glaube helfe ihr sehr, sagt Gila R., sie wüsste sonst nicht, wie sie ihre Situation meistern soll. „Deshalb bin ich trotz meiner Angst, wie es weitergeht, glücklich.“

(SZ vom 09.12.11)