Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Unten, auf der Schillerstraße, stockt der Verkehr, ein Hupkonzert gellt durch die enge Passage mit den Rotlichtbars und Spielhallen. Und oben, im zweiten Stock des schmucklosen Gebäudes, sitzen Michael Stenger und Lina Homain einem Klassenzimmer und reden über die Angst, die der jungen Frau manchmal die Luft nimmt. Es sind zwei Welten: die Hektik der Hauptbahnhofgegend auf der einen Seite, und auf der anderen etwas Ernstes, Schweres, das in der Schule mit dem schönen Namen „Schlau“ ganz plötzlich die Oberhand gewinnen kann.
Selbst wenn eben noch alle fröhlich waren. Michael Stenger, der Schulleiter, hat für den Gegensatz zwischen seinem Schutzraum und dem Alltag draußen ein Bild gefunden. „Die Schillerstraße ist eine Einbahnstraße. Aber hier oben ist das anders.“ Es gibt viele Wege nach vorne, in die Zukunft, soll das heißen. Was er nicht sagt: Wie schwer es ist, sie zu gehen.
Dabei weiß gerade Stenger, wie hart das tägliche Leben für Flüchtlinge in Deutschland sein kann. „Schlau“ heißt „Schulanaloger Unterricht für junge Flüchtlinge“, und als der 52-Jährige die Privatschule im Jahr 2000 gründete, hatte er schon viele Jahre Engagement hinter sich: Stenger unterstützt seit seiner Studienzeit Migranten, war Mitglied von Pro Asyl und Geschäftsführer des Bayerischen Flüchtlingsrats. Die Erfahrung jahrelanger Arbeit merkt man ihm an, und dass er es sich nie leisten konnte, auf seinen Optimismus zu verzichten, kommt jetzt Lina zugute, der jungen Afghanin. Sie ist eine ehemalige Schülerin und sitzt ihm gegenüber, ein zierliches Mädchen mit nachdenklichen Augen.
Wenn die 20-Jährige etwas auf dem Herzen hat, kommt sie in die Schillerstraße 7, wie früher, als sie hier ihren Hauptschulabschluss machte. Gerade gibt es Sorgen mit der Ausbildung, und Lina sagt, sie sehne sich danach, „die Menschen, die ich gern habe, stolz auf mich zu machen“. Stenger erwidert mit seinem dröhnenden Bass: „Ich war vom ersten Moment an stolz auf dich.“ Da muss sie lächeln.
„Schlau“ gibt aussichtslosen Fällen Hoffnung. Viele der minderjährigen Flüchtlinge, die oft traumatisiert und ohne Eltern nach strapaziösen Irrfahrten eines Tages stranden in der deutschen Stadt mit dem schwierigen Namen München, sind Analphabeten. Andere haben an einer Regelschule keine Chance, weil sie beim Deutschlernen nur mühsam vorankommen. Oder weil sie zu alt sind für die Schulpflicht und durch das Raster des deutschen Bildungssystems fallen. Um dem entgegenzuwirken, sind bei „Schlau“ inzwischen mehr als 1200 Jugendliche unterrichtet und betreut worden – wobei der Bedarf weit größer wäre. Derzeit gibt es 150 Schüler, für die drei Sozialpädagogen und 16 Lehrkräfte zuständig sind. Nachhilfestunden gehören zum Angebot, in den Oberklassen werden die Jugendlichen auf den Hauptschulabschluss vorbereitet – die Prüfungen legen sie an Münchner Regelschulen ab. Die Erfolgsquote an der staatlich anerkannten Schule, die sich über Stiftungen und Spenden finanziert, ist hoch: 98 Prozent schaffen den Abschluss.
Michael Stenger weiß, dass er seinen Schülern mehr bieten muss als Fachwissen und eine gewisse Strenge, die ein Zeichen für Ernstnehmen, für Begegnungen „auf Augenhöhe“ sei. Stenger und sein Team sind auch so etwas wie Eltern für ihre Schützlinge, „Papa“ nennen ihn hier viele oder Onkel. „Wir müssen ihnen den Glauben an sich selbst zurückgeben, das ist das Entscheidende“, sagt Stenger.
Die Schülerin Lina ist für viele in der Schillerstraße 7 ein Vorbild. Sie hat den Quali geschafft, danach das Abitur. Seit vergangenem Jahr macht sie eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Nebenher engagiert sie sich beim „Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge“. Ein ungewöhnlicher Weg. Über den Tod ihrer Eltern, ihre Flucht aus Afghanistan zu sprechen, fällt der jungen Frau schwer. Viel gibt sie nicht preis von sich, aber sie erzählt, dass sie sich oft wie außer Atem fühle. „Weil ich denke, ich muss noch mehr Gas geben, mehr erreichen.“ Papa Stenger runzelt die Stirn. „Sei nicht zu streng zu dir.“ Aber ihren Traum gibt sie nicht auf. Lina will Medizin studieren.
(SZ vom 24.12.11)