SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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18.12.2008

Große Geldsorgen und ständige Schmerzen

Sie hat ihre Vergangenheit in eine Plastiktüte gesteckt und den Inn hinuntergespült, „Jetzt ist sie dort, wo sie hingehört“, sagt Andrea S.. Jahrelang hatte sie sich herumgequält mit ihren Kindheitserinnerungen.



An die Mutter, die den Alkohol brauchte, um das Leben erträglich zu finden und die ihrer Tochter, als diese erwachsen war, riet: „Trink doch auch ein Gläschen, dann geht es dir besser.“ Da hatte S. selbst schon vier Kinder und stand plötzlich ohne Mann da, weil der eine andere hatte. Erinnerungen auch an den Onkel, der mit im Haus wohnte und nachts oft betrunken die Treppe herunterfiel, was dem Kind große Angst machte. Und schließlich die Erinnerung an eine Vergewaltigung in der Kindheit.
Jetzt sind die Erinnerungen weg, symbolisch zumindest. Dass sie die nie ganz los wird, weiß Andrea S. auch, doch jetzt, nach der letzten Therapie, will sie bewusst „in die Zukunft sehen“. Doch vor ihr liegt noch immer ein Berg an Schulden; er ist schon kleiner geworden, weil S. ihn seit Jahren konsequent abträgt. Nun fiebert sie dem Tag entgegen, an dem sie schuldenfrei sein wird. Nur darf nichts dazwischenkommen wie jetzt, wo die Waschmaschine den Geist aufzugeben droht. Ein Rückschlag, der S. auch psychisch drückt. Traurigkeit umgibt sie oft, die nicht nur auf die Erlebnisse in der Kindheit zurückzuführen ist. Jahrelang plagten S. heftige Schmerzen im Kopf. Lange wusste sie nicht, woher die Schmerzen stammen. Ärzte vermuteten psychische Ursachen, was S. zusätzlich deprimierte. Bis endlich ein Spezialist herausfand, dass ein verwachsenes Gefäß im Kopf auf einen Nerv drückt. Inzwischen ist S. operiert, was sich nicht operieren lässt, ist ein Tumor; „der schlummert weiter in meinem Kopf“, sagt S. Lange hat sie durchgehalten, hat weitergearbeitet, trotz der permanenten Schmerzen. Irgendwann aber ging es nicht mehr. Da war die Schwester gestorben, ein wichtiger Mensch in ihrem Leben, eine Reha wurde abgelehnt. Da ist S. zusammengebrochen, hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Heute, nach einer Trauma- und einer Schmerztherapie, liegt ihr „Päckchen“ im Inn. Sie will wieder arbeiten, weil sie gern unter Menschen ist. Und es würde ihr Freude bereiten, einfach mal rauszukommen, auf einen Kaffee, doch dafür reicht das Geld nicht. An Weihnachten würde sie gern ihren Sohn besuchen, mit dem Bayernticket.

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(SZ vom 18.12.08)