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10.12.2011

SZ vom 10.12.11

Die Kümmerer

Nach dem Gespräch tischt Zareef B. auf: Oliven und Gurken, Okra in Tomatensoße, Reis und Hühnchen, ein Teller voller Minze und natürlich Tanur, das Fladenbrot, das sie zu Hause in Irak im Erdofen backen. Hier, in München, hat Frau B. einen speziellen Topf fürs Backen; das geht auch, sagt sie, nur schade halt, dass die Kinder den echten Geschmack des Brotes nicht kennenlernen.



Aber wie man es isst, das wissen sie. Minze drauflegen, etwas Huhn dazu, dann rollen wie einen Wrap. Es gibt eben Gewohnheiten, die legt man auch in der Fremde nicht ab.
Albrecht Günters bietet das die Möglichkeit hinzuzulernen. Wie man Brot rollt zum Beispiel. Zareef B. wiederum hat von ihm gelernt, dass es in Deutschland Menschen gibt, die freiwillig darauf verzichten, Fleisch zu essen. Obwohl sie es sich leisten könnten. Albrecht Günters ist Vegetarier. Und er ist Pate der jesidischen Familie, die ohne ihn wohl ziemlich aufgeschmissen wäre in München. In einer Unterkunft leben Zareef B., ihr Mann Barakat N. und die Kinder. Neun sind es mittlerweile. Und mit neun Kindern hätte selbst eine deutsche Familie große Schwierigkeiten, in München eine Wohnung zu finden.
Im Jahr 2007 floh Barakat N. aus Irak. Seine Frau hatte ihn fortgeschickt. „Geh und finde einen friedlichen Platz auf dieser Erde für deine Familie“, hatte sie ihm aufgetragen. Barakat N. fand Deutschland und holte zwei Jahre später die Familie nach. „Der Tag unserer Ankunft war unser Geburtstag“, sagt seine Frau. „Jetzt wissen wir, dass wir einen Wert haben.“
Zu Hause gab es Wochen, in denen sie nicht wusste, was sie ihren Kindern zu essen geben sollte. In denen sie wegen des Gefechtslärms keinen Schlaf fand. „Die Kinder lagen mit Schuhen und Jacken im Bett.“ Jederzeit bereit zur Flucht. „Mit einem Wort: Es war kein Leben“, erzählt Zareef B. Fließend Wasser hatten sie auch nicht. Sie sammelten Regenwasser. Insofern könnte man dem Umstand, dass die Familie jetzt drei Zimmer mit Gemeinschaftsdusche bewohnt, sogar als Verbesserung werten. Aber es ist halt kein guter Zustand, wenn man Toilette, Dusche und Küche mit zig anderen Familien teilen muss. „Eine eigene Toilette, eine eigene Küche, das wäre mein Traum“, sagt Zareef B. – und gerade in diesem Moment betritt Albrecht Günters den Raum.
Vier der acht Jungs hängen sofort an seinem Arm. Das sei immer so, sagt Albrecht Günters. „Manchmal wollen sieben Leute gleichzeitig etwas von mir.“ Hausaufgaben korrigieren, Papiere durchsehen. Der Behördenkram ist das Schlimmste für die Familie. Beide Eltern sind Analphabeten. Anfangs musste Barakat N. die Dienste von Landsleuten in Anspruch nehmen, die man am Hauptbahnhof findet. 20 Euro verlangen die für jedes Formular, das sie ausfüllen – und das nicht einmal immer korrekt.
Mittlerweile, sagt der Pate, habe Barakat N. sich ein „prima System“ zurechtgelegt, wie er Ordnung hält in den unzähligen Behördenbriefen. Er ordnet sie anhand der Logos: Jobcenter, Schulen, Krankenkassen, Ausländeramt, Elterngeld. Nur verstehen kann er nicht, was dort geschrieben steht. Darum kümmert sich der Pate, der jeden Sonntagabend in die Unterkunft fährt. Seine Wochenend-Ausflüge in die Berge legt er so, dass er die Familie noch besuchen kann. Zu Urlaubsbeginn und am Urlaubsende kümmert er sich um sie. Dabei könnte Albrecht Günters, der IT-Fachmann ist und Geschäftsführer, seine Tage sicher auch so gut füllen. Aber er sagt: „Bevor ich hierher kam, fehlte mir etwas.“
Carola Bamberg vom Amt für Wohnen und Migration, die das Patenprojekt begleitet, kennt diese Überlegungen. „Den Paten ist es wichtig, möglichst direkt zu helfen.“ Das Projekt gibt es seit Mitte der neunziger Jahre; 80 Paten haben sie inzwischen. Manche kümmern sich sogar um zwei oder drei Familien. Viele sagten ihr: „Ich hatte Glück im Leben, nun möchte ich etwas weitergeben.“

Infos zum Patenprojekt „Aktiv gegen Wohnungslosigkeit“ unter: www.patenprojekt- muenchen.de