Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Die „Kleinen“ sind ein gutes Stück älter geworden, Alex ist heute 48, Christa 45 Jahre alt. Ihr Kosename freilich wird sich nie ändern. Stefan, mit 39 der Jüngste der drei Geschwister, benutzt ihn ganz selbstverständlich, jetzt genauso wie vor zwölf Jahren. Damals hat der SZ-Adventskalender schon einmal über die Familie K. berichtet, über Alex und Christa, die beide mit dem Down-Syndrom geboren wurden, über ihre Mutter, die nach einem Schlaganfall blind und halbseitig gelähmt war – und über Stefan, den Amerikanistik-Studenten, der die Pflege der Hilfsbedürftigen übernommen hatte.
Der Besuch für die Spendenaufrufe von 1996 ist unvergesslich: Wach und lebhaft bleibt die Erinnerung an die verwitwete, liebevolle Frau K., die trotz ihrer gesundheitlichen Einbußen der Mittelpunkt der Familie war, an die zärtliche Christa, die abwechselnd die Mutter umarmte und die Hand der Besucherin streichelte, und an Stefan, der alle voller Wärme und Hingabe umsorgte. Wie würde das Wiedersehen sein, zu dem Stefan K. jetzt überraschend einlud?
Diesmal sperrt Christa nicht wie damals die Tür auf, ganz konzentriert auf die Aufgabe, die Nasenspitze fast am Schlüsselloch, voller Erwartung. Ein bisschen abweisend sitzt sie heute da, rundlich geworden, weil sie nie weiß, wann es mit dem Essen genug ist, die frühere Zuwendung ist scheuer Zurückhaltung gewichen. „Mäuschen, magst du was trinken“, fragt der Bruder, Christa schüttelt nur stumm den Kopf. Alex wenigstens wirkt wie damals und beginnt mit schwerer Zunge zu erzählen von den Volksliedern, die er gern hört, und von der Arbeit in der Werkstatt, wo er gelbe Stäbchen in Streichholzspiele packt.
Er sei der Unkompliziertere, sagt Stefan K., die Schwester aber entwickle ein demenzielles Syndrom. Manchmal schimpft sie, manchmal will sie sich fünfmal am Tag umziehen, manchmal nicht duschen lassen und vor allem: Zweimal ist sie schon fortgelaufen. „Einmal war sie 14 Stunden weg, ich weiß nicht wo“, sagt Stefan K., und es fällt ihm nicht leicht, sich an den Rat seiner Mutter zu halten: „Angst ist ein schlechter Begleiter“, habe sie immer gesagt, und daran denkt er nun oft, auch, wenn sich Alex beim Essen wieder so schlimm verschluckt, dass er den Notarzt rufen muss.
Von Fotos blickt jetzt das freundliche Gesicht der alten Frau, die vor eineinhalb Jahren gestorben ist, auf die Familie, die Stefan K. eisern zusammenhält. Das Bundesverdienstkreuz hat er dafür erhalten, als Broterwerb aber nur einen Job in einer Tankstelle bekommen. „Das Schicksal geistig Behinderter interessiert nicht“, sagt er und spricht von Bittgängen, Hilfsanträgen und chronischer Geldnot. Täuscht es, oder klingt auch Verbitterung heraus? Doch dann ist da wieder das zuversichtliche Lächeln, mit dem Stefan K. seine „Kleinen“ anschaut: „Jedes Jahr, das wir zusammenbleiben können, ist ein gutes Jahr.“
(SZ vom 28.11.2008)