SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

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28.11.2008

Hilfe für Obdachlose

Bausteine für das Überleben auf der Straße

Seit Juli ist der Neue im Haus, und inzwischen haben die Männer gelernt, mit seinem Dialekt zurechtzukommen. Inzwischen wissen sie, dass es nichts Süßes zum Mittagessen gibt, wenn Theo Meigl „Kumbeere“ zubereitet, sondern Kartoffeln, und dass diese in gebratener Form bei dem Pfälzer „Gebrätelte“ heißen. In seinem früheren Leben war Meigl Metzger und verdiente gutes Geld mit einem Cateringservice. Dann hatte er einen Unfall. Dreifacher Schädelbruch.



„Da kannst du weitermachen, als ob nichts wär“, sagt Theo Meigl, „oder du überdenkst dein Leben“. Er entschied sich fürs Nachdenken. Und deshalb steht der Mittfünfziger nun in der Küche jenes Hauses an der Pommernstraße, in dem die Schwestern und Brüder vom Heiligen Benedikt Labre Obdachlosen ein Zuhause geben und kocht den Freitagsfisch für 23 Bewohner, für Gotteslohn. Die Küche haben vor vier Jahren SZ-Leser finanziert: zwei Kühlschränke, eine gewaltige Dunstabzugshaube, einen neuen Herd mit sechs Platten, schließlich muss am Abend auch noch die Suppe für die Tour durch die Innenstadt warm gemacht werden. Brot, Eintopf, Früchtetee – das gehört seit Jahren zur Grundausstattung, mit der Walter Lorenz, den sie auf Platte den „Tee-Walter“ nennen, durch die Innenstadt fährt und all jenen hilft, die sich nichts Warmes zum Essen leisten könnten. Der Kleinbus, seine „Möwe Jonathan“, fährt das Isartor an, die Feuerwache, den Stachus, die Wittelsbacher Brücke.

Die Küche befindet sich im Anbau an das alte Haus, das zu eng geworden war. Bis der Verein aber so viel Geld gesammelt hatte, um den Neubau finanzieren zu können, standen sich Walter Lorenz und seine Helfer viele Stunden lang die Beine in den Bauch. Auf der Messe „Jagen und Fischen“, während des Oktoberfests am Eingang zur Festwiese – überall haben sie versucht, ihre kleinen, selbstgefertigten Ziegel gegen eine Spende zu verteilen. Doch richtig ins Laufen kam die „Bausteine-Aktion“ erst, nachdem Zeitungen darüber berichtet hatten. Lorenz bekam Geld von Firmen und von Hochzeitspaaren. 2004 hatten sie endlich so viel zusammen, dass der Verein das Nachbarhaus kaufen und aufstocken konnte. Die 50 000 Euro vom Adventskalender habe man dabei sehr gut gebrauchen können, sagt Lorenz, der immer besonders darauf bedacht ist, mit Spendengeldern behutsam umzugehen. Die alte Spüle etwa haben sie mit umgezogen, „die war ja noch gut“.

Rollende Arztpraxis
Nur der Mercedes-Bus, den der Adventskalender finanziert hatte, hat nach 19 Jahren und 600 000 Kilometern kapituliert. Inzwischen fährt eine frische „Möwe Jonathan“ durch die Stadt. Als das Auto ausrangiert werden musste, kam auch Walter Lorenz ins Sinnieren. 63 ist er, und was wird, wenn er und die Schwestern Elisabeth Jakobi und Annegret Gerke einmal nicht mehr können? Als sie eines Abends auf ihrer Team-Eckbank zusammensaßen, hat der Tee-Walter geraunt, dass man das wohl dem lieben Gott überlassen müsse. „Das ist sein Werk. Wenn es ihm gefällt, lässt er es weiterlaufen.“ Am nächsten Tag rief Theo Meigl an. Jetzt sind sie zu viert, die Helfer an der Pommernstraße.
So viele Kilometer wie die „Möwe Jonathan“ hat die „Rollende Arztpraxis“ noch nicht zurückgelegt. 38 105 Kilometer hat die Ärztin Barbara Peters-Steinwachs jüngst vom Tacho abgelesen. Das Auto fährt dreimal die Woche, Montag, Mittwoch, Freitag, von der Obdachlosenpraxis an der Pilgersheimer Straße durch die Innenstadt einige Standorte an. Die Obdachlosen kennen die Orte, wissen, hier bekommen sie Hilfe. Ein Krankenpfleger von den Barmherzigen Brüdern begleitet die Ärztin. Die wirft die Standheizung an, jetzt in den kalten Monaten, die für die Menschen, die auf der Straße leben, besonders hart sind. Zu den üblichen Problemen – wundgescheuerte Haut, offene Füße – kommen nun noch die Gelenkschmerzen hinzu, vom Liegen in der Kälte.
Auch diesen Bus hat der Adventskalender finanziert, 198 558 Mark hatte 1996 die Anschaffung des Fahrzeugs und die Erstausstattung mit Medikamenten gekostet. 1997 wurde das Auto zugelassen, „es fährt tadellos“, sagt Peters-Steinwachs. Nur mit der Einführung der Umweltzone haben sie jetzt ein Problem bekommen. Das Auto, das zwar kaum bewegt wird, aber wenn, dann nur innerhalb des Mittleren Rings, bekam nur eine Ausnahmegenehmigung. Ein Jahr, „dann müssen wir sehen, wie es weitergeht“, sagt die Ärztin.

Zwei Jahre, dann steht beim Katholischen Männerfürsorgeverein ein Jubiläum an. Dann wird der Verein 60 Jahre, so alt wie der Adventskalender. Seine Obdachlosen-Weihnachtsfeier im Hofbräuhaus organisiert der Männerfürsorgeverein in diesem Jahr zum 58sten Mal. Und fast von Anfang an finanziert auch der Adventskalender die Feier mit – im letzten Jahr mit rund 40 000 Euro. An die 1000 „Mühselige und Beladene“, wie Gerald Winkler von der Wohnungslosenhilfe es formuliert, kommen am Heiligen Abend ans Platzl. Es gibt für jeden Gast zwei halbe Bier und „satt zu essen“, Bläser der Münchner Philharmonie spielen auf, Weihbischof Engelbert Siebler spricht, und am Ende bekommt jeder ein Päckchen. Ein Einkaufsgutschein über 15 Euro liegt darin und eine „praktische Kleinigkeit“, wie Winkler sagt. Mal eine Stofftasche, mal Mütze und Schal oder eine Isolierflasche. Was Nettes halt, das Leben draußen ist schließlich hart genug.
(SZ vom 28.11.2008)