Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Ein paar Jahre lang ging es ihm gut, relativ gut zumindest. Admir T. konnte normal leben, trotz der Erinnerung an jenen Tag, an dem er für seine Großmutter nur schnell Insulin besorgen wollte.
Mit einem Cousin war er damals aufgebrochen, sie wollten die Apotheken in Tuzla abklappern, schließlich war Krieg in Bosnien, und Medikamente waren rar. Admir T. kann sich noch an einen Knall erinnern und daran, dass sein Cousin neben ihm zusammenbrach. Überall Schreie, überall Blut. Dann verlor er das Bewusstsein. 15 Tage lang lag Admir T. im Koma, die Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, und wenn seine Familie nicht so gebettelt hätte, man möge ihn doch trotzdem operieren, dann hätte er wohl nicht überlebt, vermutet er heute. Ein Bein mussten sie amputieren. Das andere ist mit Narben übersät, es wirkt dünn und kraftlos unter dem muskulösen Oberkörper des 38-Jährigen, der leise von seinem Cousin erzählt. „Er war Jahrgang 72“, sagt Admir T., „so jung“. Der Cousin hat den Granatangriff nicht überlebt.
Die Angst kam schleichend
Es kostet Admir T. Überwindung, von seinen Kriegserlebnissen zu erzählen. Immer wieder nimmt er die Hände vors Gesicht, wendet den Blick ab, und oft bringt nur seine Frau den Satz zu Ende. Weil sie besser deutsch kann. Und wohl auch, weil sie sich im Leben besser zurechtfindet. Die beiden haben sich erst nach dem Krieg kennengelernt, den sie nur von Erzählungen kennt. Dass ihr Mann dabei ein Bein verloren hat, das habe sie nie gestört, sagt Selma T. Nur war er bis vor ein paar Jahren ein anderer, ein fröhlicherer Mensch, der sich gern mit Freunden traf, gern feierte. Heute verlässt T. die Wohnung nur, wenn er zum Arzt muss. Und auch das tut er nur, wenn seine Frau ihn begleitet. Das Problem ist nicht das fehlende Bein. Admir T. könnte sich bewegen, er trägt eine Prothese. Doch es gibt keine Prothese für seine Seele. Allein unter Menschen zu sein, macht Admir T. Angst. Er kann nicht mit dem Bus fahren, nicht mit der S-Bahn. Er bekommt Herzrasen, wenn er all die Menschen um sich herum sieht. Wenn die Panik in ihm aufsteigt, raubt sie ihm die Luft. Als müsse er ersticken. „Ich schäme mich so dafür“, sagt Admir T., und seine Frau legt ihren Arm auf seine Schulter, als er zu weinen anfängt.
Die Angst kam schleichend, sie kroch heran in den Monaten der Ungewissheit. 1999 war das, im Jahr ihrer Abschiebung aus Deutschland. Ein paarmal konnte der Arzt die „Rückführung“ der Familie noch hinauszögern, weil bei Admir T. Operationen anstanden. Doch dann mussten Vater, Mutter und der damals zwei Jahre alte Sohn Evin nach Bosnien zurückkehren. In jener Zeit begannen die Albträume, „er wachte schweißgebadet auf“, erinnert sich Selma T. Vielleicht, so rätselt sie, weil er nicht wusste, wie er mit seiner Behinderung die Familie versorgen sollte. Wer will schon einen Maurer ohne Bein? Oder weil die vertrauten Orte Erinnerungen weckten, die Admir T. bis dahin verdrängt hatte.
2003 kam die Familie zurück nach München; hier lebt sie in einer Ein-Zimmer- Wohnung, zu viert. Admir T. sitzt, während er erzählt, in der Küche auf einem gelb-braun gemusterten Sofa, das schon viele Jahre in Benutzung ist. Im Zimmer nebenan spielt die sechsjährige Lana. Nachts klappen die Eltern eine Luftmatratze von der Wand auf den Boden. Für sich. Der elfjährige Sohn und die Tochter schlafen daneben auf einer Ausziehcouch. Einen Couchtisch besitzen sie noch, zwei kleine Plastikstühle für die Kinder, die Küchenzeile ohne Herd, obwohl Lana so gerne Plätzchen backen würde, wie in der Schule. Seit drei Jahren geht das nun schon so. Selma T. hat ihre Arbeit als Arzthelferin aufgegeben, in der Hoffnung, dass es ihrem Mann bald besser gehen wird, aber es wurde nicht besser. Nur am Abend verlässt er die Wohnung, da geht die Familie spazieren: Admir T., die beiden Kinder, und seine Frau dicht neben ihm, als wollte sie ihn beschützen. Den Eheleuten ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Nicht für die Frau, die momentan das Gefühl hat, eher drei Kinder zu versorgen als zwei. Nicht für den Mann. „Er hat so viel Energie, das Nichtstun macht ihn fertig“, sagt Selma T. Sie bräuchten Geld, damit Admir T. die Führerscheinprüfung in Deutschland absolvieren kann. „Fahren kann ich gut und das mache ich auch gern“, sagt er. Und wenn Admir T. im Auto sitzt, nicht in der S-Bahn, hat er auch keine Angst. Pizza könne er vielleicht ausfahren, oder Kataloge, überlegt er. Und vielleicht findet sich ja ein „Mensch mit einem großen Herzen“, hofft Selma T., der ihnen ein gebrauchtes, funktionstüchtiges Auto schenkt. „Er würde nicht nur meinen Mann retten, sondern unsere ganze Familie.“
Egal, ob Trauma oder Krankheit – treffen könne eine seelische Krise im Prinzip jeden, sagt Gabriele Schleuning, Chefärztin des Atriumhauses in München. In dem Psychiatrischen Krisen- und Behandlungszentrum lassen sich momentan 400 Menschen langfristig ambulant helfen. Und die Nachfrage ist enorm groß. Denn laut Statistik kommt jeder dritte Bundesbürger zumindest einmal in seinem Leben in einen schweren seelischen Ausnahmezustand. Bei vielen Flüchtlingen, die hier leben, sind es die Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Vergewaltigung, bei anderen spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle. Generell aber sei zu beobachten, dass manche Menschen mit belastenden Situationen besser umgehen können, „während ein anderer schneller an seine Grenzen kommt“, sagt Schleuning. „Doch man ist nicht verdammt dazu, krank zu sein.“
Hilfe gibt es, doch haben viele Menschen große Angst davor, sie auch in Anspruch zu nehmen. In Deutschland dauert es nach Schleunings Erfahrung oft Jahre, verlorene Jahre, bis Menschen sich in Behandlung begeben. „Dabei ist es so wichtig, dass man möglichst schnell Hilfe sucht, es geht so viel kaputt in der Zeit einer unbehandelten Psychose“, sagt die Ärztin, die weiß, dass bei der Bewältigung einer Krise auch Geld „eine große Rolle“ spielen kann. Das eigentliche Problem mag dadurch nicht zu lösen sein, doch der Alltag wird erträglicher, wenn ein Raum bewohnbar ist, wenn ein Mensch – wie Admir T. – wieder zu hoffen wagt. Denn wenn man nicht für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen, das Leben nicht selbst meistern kann, so Schleuning, „dann zieht einen das zusätzlich runter“.
Sandra P. war schon in der Psychiatrie, beim ersten Mal sieben Wochen stationär, dann für zwei Jahre in ambulanter Betreuung, dann wieder sieben Monate stationär. „Erst danach war ich ein neuer Mensch“, sagt sie. Die Traurigkeit überfällt sie zwar auch heute noch oft, aber die Angst ist aus ihrem Leben gewichen. Und der Geist ihres Sohnes, den sie früher zu sehen glaubte, auch er ist verschwunden.
In ihren Träumen stand er ihr gegenüber, aber auch unter der Dusche oder im Flur. Die Verkörperung ihrer Schuldgefühle. 13 Jahre ist es inzwischen her, dass Martin, ihr Ältester, bei einem Autounfall ums Leben kam. Die Familie fuhr zur Hochzeit von Sandra P.s Schwester. Der Junge hatte keine Lust auf die weite Fahrt. „Aber ich habe ihn gezwungen, dass er mitkommt. Ich habe ihn in den Tod geschickt.“ Mit solchen Gedanken quälte sich Sandra P. über Jahre, die Gedanken quälen sie auch noch heute. Doch inzwischen sieht sie ihren Martin nicht mehr leibhaftig vor sich, inzwischen hat sie ihn ziehen lassen. Geblieben sind die Alltagssorgen. Sandra P. ist alleinerziehend, hat einen erwachsenen Sohn und zwei Kinder, die noch in der Ausbildung sind. Die Schulausflüge kann sie ebenso wenig bezahlen wie ein neues Fahrrad für die Tochter Anne. Das alte, ohnehin gebraucht angeschaffte Rad wurde Anne gerade aus dem Hof gestohlen. In der Wohnung der P.s stehen so gut wie keine Möbel, es gibt keinen Kleiderschrank, keine Regale, kein Bett, obwohl Sandra P. nach einem Bandscheibenvorfall dringend eine gute Matratze bräuchte. Die 43-Jährige arbeitet zwar Vollzeit in einem Pflegeberuf, doch mit einem Teil ihres Verdienstes trägt sie den Schuldenberg ab, den ihr Mann ihr hinterlassen hat. 50 000 Mark waren es am Anfang, 5000 Euro hat P. noch vor sich. „Spielschulden“, sagt sie und erzählt, wie er sie unter Druck gesetzt habe, ihre Geheimnummer preiszugeben, als sein Konto längst gesperrt war. Mit Schlägen zunächst, „später haben Blicke gereicht, ich wusste ja, was kommen würde“.
Flucht ins Frauenhaus
Im Frauenhaus war sie, kehrte wieder zu ihm zurück, wechselte die Stadt mit den drei Kindern, suchte eine neue Arbeit. Doch erst, als sie die Polizei einschaltete, ließ ihr Mann sie in Ruhe. Gerade ist die Familie aus einer Ein-Zimmer- Wohnung in eine Drei-Zimmer-Wohnung umgezogen, und Sandra P.s Jüngster, der vor kurzem 15 geworden ist, freut sich über das erste eigene Zimmer. Auch wenn der Raum außer ein paar Plastiktüten mit Kleidung so gut wie nichts enthält. Einen zerschlissenen Ledersessel hat Sven gerade vom Sperrmüll hochgeschleppt. Die Risse im Lederwollen sie kleben.
Über ein Bett und auch über ein Fahrrad würde er sich freuen. Die Tochter ist elf, sie hat in diesem Jahr den Übertritt aufs Gymnasium geschafft, was die Mutter besonders stolz macht. Sandra P. selbst ist bei Onkel und Tante aufgewachsen, sie war gerade acht, als ihre Eltern starben. Seitdem kennt sie diese Traurigkeit, die sie einhüllt, die wie ein Stein auf ihrem Brustkorb liegt und das Atmen schwermacht. Die Traurigkeit, sagt sie, lasse sie einfach nicht los. Und selbst wenn sie an einem Tag fröhlich sei, so falle sie dann am nächsten umso tiefer. „Als ob ich mich bestrafen müsste fürs Glücklichsein.“
Weihnachtswünsche von Menschen mit seelischen Krankheiten
Psychisch kranke Menschen leben oft am Existenzminimum. Sie haben ihre Arbeit verloren, konnten keine Ausbildung abschließen. Oft verschlechtern die finanziellen Sorgen das ohnehin schlechte Befinden: Woher soll ich das Geld für die neue Waschmaschine nehmen? Wie ein Fahrrad für mein Kind finanzieren? Eine Spende kann helfen, dass diese Menschen wieder Hoffnung schöpfen.
Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, das überwiesen oder Montag bis Freitag von 9.30 bis 18 Uhr und an allen Samstagen im Dezember von 9.30 bis 15 Uhr im SZ-Servicezentrum, Sendlinger Straße 8, eingezahlt werden kann.
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(SZ vom 13.12.08)